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Urban Commons – Städtisches Gemeingut gegen Hilflosigkeit und Resignation

Mit der Urbanisierung wandeln sich Städte und der Wunsch nach dem Guten-Leben-Für-Alle wächst. Doch viele Menschen haben das Gefühl auf diese Veränderungen, die ihre konkrete Lebensumwelt betreffen, wenig bis keinen Einfluss zu haben. Sind Urban Commons, die kollektive Gestaltung der sozialen und physischen Umwelt eine mögliche Lösung gegen diese Hilflosigkeit?

Beginnen wir beispielhaft mit ein paar Lebensmodellen.

Serkan, A. (21) pendelt täglich mit der U2 aus Favoriten, wo er bei seiner Großmutter Songül, A. (69) zur Untermiete lebt, in den 2. Bezirk zur seiner Arbeit in einem Bio-Supermarkt. Richard, B. (23) studiert in Wien Psychologie, lebt in einer WG mit 4 anderen Deutschen in Neubau und fährt täglich mit dem Fahrrad zu seinen Vorlesungen. Francoise, G. (42) ist Diplomatin und wird von ihrem Chauffeur Alfred, B. (58), der mit der Bim aus dem dritten Bezirk zu seinem Arbeitsplatz kommt, von ihrer Penthouse-Wohnung im 17. Bezirk in das Botschaftsviertel im Ersten gefahren.

Sie alle leben in der gleichen Stadt, nutzen die öffentliche Infrastruktur, wie zum Beispiel das Verkehrsnetz und teilen sich den gleichen öffentlichen Raum. Dennoch ist die Möglichkeit der Partizipation und das Gefühl, etwas bewirken zu können, bei allen äußerst unterschiedlich. Dies ergibt sich unter Anderem aus ihrem individuellen politischen Einfluss, ihrer sozialen Vernetzung, Vermögen und der verfügbaren Zeit, kurz: ihrem Kapital, aber auch durch Unterschiede in ihren Selbstwirksamkeitsüberzeugungen.

Beispielsweise kann sich die Diplomatin Francoise, G. durch ihren täglichen Kontakt mit der Politik und ihrem höheren Kapital oderausgeprägtem Verhandlungsgeschick weitaus mehr bewirken als der Supermarktverkäufer Serkan, A., der das Gefühl hat, schon aufgrund seines Namens ohnehin von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein.  Genau diese Heterogenität (die in der großstädtischen Realität noch um einiges größer ist) stellt für die moderne Stadtplanung, nicht nur in Wien, eine der Herausforderungen dar, welche die nächsten Jahrzehnte bestimmen werden.

Das Gefühl, nicht mitentscheiden zu können.

Eine zentrale Problematik besteht darin, dass die Bewohner*innen oft als passive Empfänger*innen städtischer Entwicklungen wahrgenommen werden und sich auch selbst als solche empfinden. Das kann bei den Bewohner*innen zu dem Gefühl führen, keinen Einfluss auf die alltägliche Umgebung zu haben. Dahinter steht die „Erlernte Hilflosigkeit“, ein Konzept, das Martin Seligman (1976), ein US-amerikanischer Psychologe, entworfen hat. Es geht um die im Laufe der Jahre erlernte Überzeugung, die eigenen Lebensumstände nicht verändern zu können und daran selbst die Verantwortung zu tragen. 

Diese Einschränkung der eigenen Handlungsfähigkeit erzeugt ein Gefühl der Ohnmacht, welches mit einer starken Lebensunzufriedenheit einhergehen kann. Darüberhinaus wird die erlernte Hilflosigkeit mit psychischen Problemen wie Depressionen in Verbindung gebracht.

Oft berücksichtigen traditionelle stadtplanerische Ansätze diese Erkenntnisse nicht ausreichend. In der Folge kommt es bei den Bewohnenden zu einer Entfremdung mit der eigenen Wohnumwelt. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken entstand die Bewegung der Urban Commons.

Urban Commons gegen Hilflosigkeit und für mehr Selbstwirksamkeit.

Urban Commons, als kollektive, städtische Ressourcen, bieten hier einen Lösungsansatz. Die Grundlegende Idee sind hierbei durch Selbstbestimmung, Selbstorganisation und aktiver Gestaltung die soziale und physische Umwelt zu beeinflussen. Die Stadt soll als solches nicht allein politischen oder kommerziellen Interessen überlassen werden, sondern auch durch eine Beteiligung, im Idealfall aller Bewohnerinnen und Bewohner, entwickelt werden. Diese Idee leitet sich aus dem Prinzip der Almende ab, einer Organisationsform, die bis in Mittelalter zurückgeht, bei der ein Teil des Eigentums von Gemeinden von der gesamten Bevölkerung genutzt werden darf. Bei Urban Commons greift diese Idee auf. Dabei schließen sich die Beteiligten zusammen und gestalten ihren eigenen physischen und sozialen Lebensraum als Gruppe selbst – sie werden tätig! Die (Urban)Commons sind, ALLEN Mitgliedern der (Stadt)gesellschaft zugänglichen Ressourcen. 

Im Unterschied zum öffentlichen Raum muss aber die Stadtbewohner*in, damit es sich wirklich um Urban Commons handelt, die Möglichkeiten zur Mitwirkung, Mitgestaltung und (politischer) Mitbestimmung gegeben werden.

Durch die gemeinschaftliche Nutzung und Verwaltung von Flächen, Räumen und Ressourcen ermöglichen Urban Commons nicht nur eine nachhaltige Nutzung, sondern fördern auch aktive Beteiligung und Mitbestimmung. Diese partizipativen Prozesse können helfen, die erlernte Hilflosigkeit zu überwinden und ein Gefühl des Empowerments in den urbanen Gemeinschaften zu wecken. Durch die vermehrte Teilhabe im Rahmen der Urban Commons können die Bewohner*innen im Sinne des Empowerments lernen, aus der erlernten Hilflosigkeit zu entkommen und das Zusammenleben in der Stadt jenseits jeder von oben herab erfolgender (top-down) Stadtplanung selbst zu gestalten. 

Beim Empowerment (dt. Selbstermächtigung), kämpfen Individuen oder Gruppen gegen das Gefühl der Hilflosigkeit, sie nutzen Potentiale und Gestaltungsmöglichkeiten eigenständig um ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben zu ermöglichen. Ganz konkret auf den Kontext Stadt bezogen, könnte dies bedeuten, dass die Bevölkerung sich aktiv in die Entwicklung und Verbesserung ihrer Stadt, ihres Stadtteils oder ihres Grätzls einbringt. Dieses Empowerment ist aus psychologischer Sicht ein Schritt zu mehr Gesundheit vieler, sich als benachteiligt empfindender, Menschen. 

Made in Wien: Alsergarten & Althangrund für Alle

Ein Beispiel für Urban Commons in Wien sind öffentlich zugängliche und nutzbare Gemeinschaftsgärten, die nicht nur ökologische Vorteile bieten, sondern auch als soziale Treffpunkte dienen. Hier teilen Menschen nicht nur den physischen Raum, sondern auch ihr Wissen über den Anbau von Gemüse und ökologische Praktiken. In einem anderen Beitrag berichteten wir vom Alsergarten https://stadtpsychologie.at/willkommen-im-alsergarten-zwischen-ordnung-und-chaos/, einem öffentlich zugänglichen und gemeinschaftlich verwalteten Garten im neunten Bezirk, bei dem die Nachbarschaft zusammenkommen kann, um gemeinschaftlich Gemüse anzubauen oder einfach nur zu verweilen. Zusätzlich wird versucht, die Biodiversität zu fördern und durch die Ansiedlung von Pflanzen das Mikroklima der Stadt zu regulieren. 

Ein weiteres Urban Common ist das Kulturzentrum Althangrund 4 Alle, eine Plattform für kreative Zusammenkünfte, Bildung und kulturellen Austausch mit Raum für verschiedene Initiativen. Es wird kollektiv organisiert und ist ein gemeinnütziger Verein. Das Nachbarschaftsprogramm, das wegen seiner nicht-kommerziellen Ausrichtung und vieler niederschwelliger Angebote möglichst alle Anwohner*innen ansprechen will, ermöglicht eine solidarische Perspektive auf die Stadt. Beide vorgestellten Orte fördern den Aufbau sozialer Unterstützungsnetzwerke in Städten und bieten Raum für Empowerment. 

Vom Stadtbewohner zum Stadtgestalter

Im Alsergarten könnte Serkan A. sein Wissen über Biogemüse, das er sich selbst nicht immer leisten kann, praktisch umsetzen und vielleicht sogar seine Großmutter dazu bringen, ihre anatolische Lieblingskräutermischung anzubauen, von der sie das Rezept mit anderen im Garten teilt.

Auch Richard B. ist immer interessiert an leckeren Rezepten für seine WG.  Da Serkan A. und seine Großmutter die Strecke Favoriten – Alsergrund in knapp einer halben Stunde mit der U-Bahn bewältigen können, ist hier schon einmal eine Hürde weniger vorhanden. Die Diplomatin Francoise G. nutzt den für Ausgleich zum zum stressigen Alltag, doch für einen eigenen Garten hat sie nicht genug Zeit. Die geteilte Verantwortung für die Pflanzen kommt ihr daher sehr gelegen. Die Angebote müssen möglichst niederschwellig sein, sowohl was die Entfernung von dem Urban Common angeht, als auch die Möglichkeit, sich ohne Barrieren wie Sprachkenntnisse, bestimmte feste Zeiten oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, einzubringen.

Psychologische Vorteile von Urban Commons in der Stadtplanung.

Die Integration der Ideen und Praktiken der Urban Commons in die Stadtplanung birgt erhebliches Potential. Durch die Schaffung von offenen Räumen für partizipative Entscheidungen und gemeinschaftliche Projekte können Städte ihre Bewohner*innen in den Stadtentwicklungsprozess einbeziehen. Dies trägt nicht nur zu einer nachhaltigen Nutzung von Ressourcen bei, sondern stärkt auch das soziale Gefüge (Definition) und fördert das Empowerment der Bevölkerung, sowie das Vertrauen in die Stadtverwaltung. Stadtplaner*innen können von bottom-up-Initiativen lernen und innovative Modelle entwicklen, die den Bedürfnissen der Gemeinschaften gerechter werden.

Eine moderne Städteplanung nimmt die Strategien der Urban Commons ernst und lässt die aus ihr gewonnenen Erkenntnisse in zukünftige Maßnahmen einfließen. Die Beteiligung auf kleinerer, niedrigerer Ebene (small scale) führt dazu, dass auch auf der größeren nationalen, und später auch globalen Ebene (large scale), mehr Verantwortung geteilt, übernommen und aktiv gelebt wird. 

Menschen, die sich gehört fühlen, deren Beteiligung und Meinung gefragt ist, und die tatsächlich in den Prozess der Schaffung öffentlicher Räume mit einbezogen werden, werden diese anders betrachten und behandeln.  Urban Commons stellen eine Antwort auf die Herausforderungen der modernen Stadtplanung dar. Das Empowerment und die Überwindung der sogenannten erlernten Hilflosigkeit der Zivilbevölkerung sind dabei Schlüsselaspekte für eine nachhaltige und partizipative Stadtentwicklung, die von allen Beteiligten getragen wird.

Beitrag verfasst von: Jakob Bielmeier unter Mitarbeit von Sabine Weschta

Weiterführende Links:

Literatur:

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Dellenbaugh, M., Kip, M., Bieniok, M., Müller, A., & Schwegmann, M. (Eds.). (2015). Urban commons: moving beyond state and market (Vol. 154). Birkhäuser

Barthel, S., Colding, J., Hiswåls, A‐S., Thalén, P., & Turunen, P. (2021). Urban green commons for socially sustainable cities and communities. Nordic Social Work Research. https://doi.org/10.1080/ 2156857X.2021.1947876 

Borch, C., & Kornberger, M. (2015). Urban Commons : Rethinking the city. In HAL (Le Centre pour la Communication Scientifique Directe). https://hal.archives-ouvertes.fr/hal-02298209

Harth, A., Scheller, G., & Tessin, W. (Eds.). (2013). Stadt und soziale Ungleichheit. Springer.

Laimer, C. & Rauth, E. (2023). Urban Commons: FENSTER in eine mögliche Zukunft. dérive, 92/93, 4-5. 

Maier, S. F., & Seligman, M. E. (1976). Learned helplessness: theory and evidence. Journal of experimental psychology: general, 105(1)

Milburn, K., & Russell, B. (2020). Public-common partnerships, autogestion, and the right to the city. In A. Exner, S. Kumning & S. Hochleither (Hrsg.) Capitalism and the Commons (S. 135-150), Routledge. https://doi.org/10.4324/9780367822835 

Williams, M. J. (2018). Urban commons are more‐than‐property. Geographical Research, 56(1), 16-25.

©Fotos: STADTpsychologie, Jakob Ottlinger; Titelfoto: ©Karlsgarten

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