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Vom Säen und vom Ernten – der psychologische Wert von Gemeinschaftsgärten

Die Nachfrage nach urbanem Garteln in Wien boomt, egal ob es um das Begrünen von Baumscheiben geht oder dem Bepflanzen von einem Stück Stadterde. Angebote zum selber anbauen, pflegen und ernten sind für diejenigen, die keinen eigenen Garten oder Balkon haben ideal, um ein Stück Natur in der bebauten Stadt zu erleben – und sich damit die Stadt auf eine besonders gesunde Art und Weise anzueignen.

Worin besteht der Wert des „gemeinsamen Gartelns“?

Dieser Frage widmeten sich die Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak und ihre Kollegin bereits in den 90er Jahren, indem sie den psychologischen Nutzen von Selbsternte-Projekten erforschten. Bei der „Selbsternte“ bewirtschaften Landwirte Flächen auf biologische Weise und bieten Interessierten die Möglichkeit Gemüse, auf einer Parzelle für die Saison, selbst zu pflegen und zu ernten. Auch Anfänger*innen können mitmachen, weil Selbsternte-Projekte bei Bedarf von Fachfrauen und Fachmännern begleitet werden und sich anfängliches Scheitern auch als wichtige Erfahrung im Lernprozess „vom Handeln zum Wissen“ (Ehmayer & Fleischmann, 1997) herausgestellt hat.  Die Ergebnisse zeigten, dass das Selbsternten so attraktiv ist, weil es durch die eigenmächtige Beetpflege Bedürfnisse wie Aneignung, Sinnfindung, Sicherheit und Kontrolle befriedigt. Auch Wissen über gesunde Ernährung und Pflanzen wird gesammelt. Ein ganz besonderes Erlebnis ist es, das eigens gezogene Gemüse mit nach Hause zu nehmen, zu verkochen und zu genießen. Garteln hat also einen vielfältigen Nutzen für den Einzelnen, der sich in diesem Ausmaß, bei anderen Beschäftigungen, eher selten zeigt.

Gemeinschaftsgärten sind eine der besten Möglichkeiten, um funktionierende Nachbarschaften in der Stadt entstehen zu lassen.

Wird mit Unterstützung der lokalen Politik ein Gemeinschaftsgarten in öffentlichen Raum, also beispielsweise in einem Park, geschaffen, lassen sich daraus noch mehr Gewinne ziehen. Wesentlich ist jedoch, dass der Gemeinschaftsgarten öffentlich zugänglich bleibt.  Eine optische Umgrenzung mit einem undurchsichtigen Zaun oder einer großen, dichten Hecke sollte aus psychologischer Sicht vermieden werden, weil sie den Eindruck erweckt, die Fläche oder die Beete seien privatisiert. Eine offene, einladende Gestaltung ist wesentlich, damit sich die Bewohner*innen angesprochen fühlen und den Garten nutzen.

Wenn die Gartelnden dann los legen, kommt es zu Kommunikation und Aktivitäten zwischen unterschiedlichen Altersgruppen und Kulturen. Solche Begegnungen fördern die soziale Kompetenz und reduzieren Stigmatisierung und Vorurteile. Gemeinsames Gärtnern steigert den Gemeinschaftssinn, weil sich die Leute intensiver miteinander austauschen. Das wiederum stärkt den sozialen Zusammenhalt, der für die Stadt als Gesamtes von Bedeutung ist. Wenn man in Kooperation mit Nachbarn Ziele, wie den Erhalt eines Gartens verfolgt und sich dadurch positive Erfahrungen ergeben, wird eine höhere gemeinschaftliche Wirksamkeit wahrgenommen (Dorsch Lexikon der Psychologie, o.D.). Das Glücksgefühl, das entsteht, wenn man an der eigenen Lebenswelt mitwirkt füllt die persönlichen Ressourcen und hilft, mit den Widrigkeiten des Alltags besser zurechtzukommen.

Nach Litt et al. (2015) haben das Grün, die Blumen, der Wandel der Jahreszeiten, die in der Natur besonders sichtbar sind erholsame Wirkung. Aber auch soziale Aspekte, die soziale Eingebundenheit und das Gefühl gemeinsam etwas positives, kreatives geschaffen zu haben, geben Bestätigung und Selbstwert. Wichtig ist jedoch, dass das Garteln als sinnhafte Tätigkeit erachtet wird und dadurch emotionale, kognitive und soziale Fähigkeiten gefördert werden (Wang & MacMillan, 2013). Weniger vorteilhafte Effekte auf die Psyche kann es geben, wenn das Garteln als zusätzlicher Stress empfunden wird.

Damit eine Stadt ihre vielfältigen sozialen Herausforderungen bewältigen kann, müssen Stadtverantwortliche und Entscheidungsträger*innen verstehen, wie der öffentliche Raum seine Bewohner*innen mitsamt ihren Bedürfnissen beeinflusst. Es bedarf Strategien, die diese Bedürfnisse befriedigen und die das Wohlbefinden und die Gesundheit der Bürger*innen erhalten und fördern. Gartenprojekte im öffentlichen Raum, sind zu diesem Zweck deshalb so bedeutungsvoll weil sie, durch ihren vielfältigen psychologischen, physiologischen und sozialen Nutzen, als Puffer gegen individuelle und gesellschaftliche Belastungen fungieren können. Durch erfolgreiches gemeinschaftliches Garteln gedeihen nicht nur die Pflanzen, sondern es erblüht auch die (soziale) Nachbarschaft.

So gesehen, sollte es am besten in jedem Grätzel, aber zumindest in jedem Stadtteil, einen Gemeinschaftsgarten geben.

Links:
Literatur:
  • Dorsch Lexikon der Psychologie (o.D.). Kontakthypothese. Abgerufen am 02.09.2022, von https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/kontakthypothese
  • Ehmayer C., Fleischmann A. (1997). Sinn und Sinnlichkeit – Das Projekt „Selbsternte“. Psychologie in Österreich, 97(2), 75-77.
  • Litt J.S., Schmiege S.J., Hale J.W., Buchenau M., Sancar F. (2015). Exploring ecological, emotional and social levers of self-rated health for urban gardeners and non gardeners: A path analysis. Social Science & Medicine 144, 1–8.
  • Wang D, MacMillan T. (2013). The Benefits of Gardening for Older Adults: A Systematic Review of the Literature. Activities, Adaptation & Aging 37 (2), 153–181. doi:10.1080/01924788.2013.784942

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