Nähe und Distanz in der Stadt

Während Nähe im privaten Bereich meistens als angenehm empfunden wird, wird diese in der Stadt oft als Überschreitung der eigenen Distanz wahrgenommen. Vor allem dann, wenn sich einander fremde Menschen unfreiwillig nahe kommen müssen, wie beispielsweise beim Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Stauzeit.

Das Phänomen der sozialen Distanz in der wissenschaftlichen Psychologie

Der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall (1914–2009) hat sich mit dem Phänomen von Nähe und Distanz beschäftigt. Er geht davon aus, dass unser Empfinden von Nähe und Distanz biologisch festgelegt ist, jedoch kulturelle Einflüsse eine wesentliche Rolle spielen. Aufbauend auf Edward T. Hall wurden vom Architekturpsychologen Paul Bär (2008) vier verschiedene Distanzmaße erstellt:

Die intime Distanz reicht bis zu 45 cm und zeichnet sich dadurch aus, dass die Gegenwart einer anderen Person deutlich wahrnehmbar ist. Die persönliche Distanz reicht von 45 cm – 100 cm und lässt sich als schützende Sphäre um ein Individuum definieren. Die soziale Distanz reicht von 100 cm – 360 cm. Im Bereich der sozialen Distanz erwartet niemand mehr, körperlich berührt zu werden. Der Begriff „soziale Distanz“ steht in der soziologischen Debatte auch dafür, wie nahe man einen Menschen oder eine Gruppe an sich heranlässt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Begriff immer wieder im Zusammenhang mit Fremden oder der Integrationsdebatte auftaucht. Letztlich ist das Wahren der sozialen Distanz auch ein Aspekt von Sicherheit. Die öffentliche Distanz beginnt bei ca. 360 cm. Gesichter von Menschen können nicht mehr wahrgenommen werden, die Menschen bleiben einander fremd.

Wenn wir uns in der Stadt zwischen fremden Menschen bewegen, beim Einkauf oder auf dem Weg zur Arbeit, dann möchten wir grundsätzlich nicht berührt werden.

Je mehr Menschen aber im öffentlichen Raum unterwegs sind, umso schwieriger wird dieses Unterfangen. Der Unterschied zwischen Stadt und Land könnte auch so beschrieben werden: In der Stadt müssen sich viel mehr fremde Menschen nahe kommen und auf engstem Raum miteinander interagieren, ohne es zu wollen. Psychologisch gesehen wird dabei die persönliche Distanz, die wir als schützenden Bereich rund um uns wahrnehmen – unfreiwillig – durchbrochen.

Häufig in einer Situation zu sein, wo einem Menschen zu nahe kommen, ist nicht nur unangenehm, sondern erzeugt auch Stress.

Kurzfristiger Stress kann mitunter eine aktivierende Wirkung haben, Dauerstress macht jedoch krank. Grundsätzlich haben wir Menschen die Fähigkeit, mit stressigen Situationen fertig zu werden. Geborene Stadtmenschen sind diese besondere Form der soziale Nähe im öffentlichen Raum eher gewohnt als jene, die erst in späteren Jahren in die Stadt ziehen. Sie brauchen oft einige Zeit, um sich an den vermehrten Körperkontakt zu gewöhnen. Das Crowding-Syndrom ist ein Stressphänomen, das jene Personen betrifft, die mit dem Verlust der sozialen Distanz nicht fertig werden, die also unter dem Zuviel an Nähe im öffentlichen Raum leiden. Ausgehend von einer bestimmten Situation wie grelles Licht oder Lärm, gekoppelt mit Menschenmengen, entsteht ein Gefühl der Angst, das sich bis zur Panik steigern kann. Der individualpsychologische Ansatz bietet bei Angstzuständen Hilfe in Form von psychologischer Beratung oder Therapie an. Der stadtpsychologische Zugang führt zusätzlich an, dass als vorbeugende Maßnahme bei der Planung und Gestaltung von öffentlichen Räumen der Aspekt des Crowdings mitüberlegt werden sollte. Forschungen (Schneider, 2011) haben gezeigt, dass Räume, wo viele Menschen aufeinandertreffen und nicht einfach entfliehen können, starke Auslöser für Paniksituationen sein können. Vermehrt findet sich diese stressauslösende Wirkung in der Stadt bei Fußballplätzen, Marktplätzen, Straßenfluchten oder U-Bahnen und allen anderen räumlichen Situationen, die eine Ballung von vielen Menschen an einem Ort zur selben Zeit erzeugen.

Die Stadt bietet aber auch viele gute Gelegenheiten, bei denen eine Ausgewogenheit zwischen dem Wahren des eigenen Freiraums und der Begegnung mit fremden Menschen gefunden werden kann.

Gut funktionierende Parks oder beliebte Plätze zeigen, wie es geht: sie sind so gestaltet, dass sie eine gute Mischung zwischen Rückzugsbereichen und Möglichkeiten zur Annäherung bieten. Vielleicht verbirgt sich hinter dem Wort „Aufenthaltsqualität“ genau diese perfekte Mischung zwischen beiden.

Als ein symbolisches, aber gleichzeitig praktisches Beispiel kann das Bild von der „langen Bank“ herhalten: Auf dieser lässt es sich einerseits gemütlich sitzen oder liegen, gleichzeitig kann genug Abstand zur nächsten Person gewahrt bleiben. Natürlich lässt es sich auf ihr aber auch zusammenrücken, wenn der Bedarf nach mehr Nähe besteht.


Literatur:

Bär, Paul Klaus-Dieter: Architektur-Psychologie. Psychosoziale Aspekte des Wohnens Psychosozial-Verlag, Giessen 2008.
Ehmayer, Cornelia: Die „Aktivierende Stadtdiagnose“ als eine besondere Form der Organisationsdiagnose. Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. disserta Verlag, Hamburg 2014.
Hall, Edward T.: The Hidden Dimension. Garden City, New York 1966.
Hellbrück, Jürgen und Manfred Fischer: Umweltpsychologie. Ein Lehrbuch. Hogrefe, Göttingen 1999.
Schneider, Bernhard: Die Simulation menschlichen Panikverhaltens. Ein Agenten-basierter Ansatz. Springer, 2011.


Abbildung:
Thorspecken, Thomas: Urban Sketching. The Complete Guide to Techniques by Thomas Thorspecken. Search Press Ltd., 2014.

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