Angst in der Stadt oder warum Ramona auszog, um das Fürchten zu erlernen

Ramona lebt ein sicheres Leben. Behütet aufgewachsen, beim Spielen kontrolliert, die Ernährung von klein auf Bio, geschützt vor Wind und Wetter. Reisen mit den Eltern, Kindergarten und Schule pädagogisch wertvoll. In die Schule gebracht mit dem Auto, damit nichts passiert und immer das Handy dabei, damit die Eltern wissen, wo sie ist. Und jetzt als junge Erwachsene plötzlich laktoseintolerant, glutenunverträglich und vor allem eines: ängstlich. Angst vor dem Leben, Angst vor der Zukunft, Angst am Abend in der Stadt, Angst vor dem alleine sein und Beklemmungsgefühle in der U-Bahn.

Das Leben in Österreich ist sicher geworden, der Krieg liegt mehr als 70 Jahre zurück. Und trotzdem werden die Menschen immer ängstlicher. Experten gehen davon aus, dass seit den 1950er-Jahre Angststörungen kontinuierlich zugenommen haben. Obwohl das Leben in früheren Jahrhunderten viel stärker bedroht war als heute, nehmen die Menschen gegenwärtig immer weniger Sicherheit im Leben wahr. Die Welt scheint gefährlich, weil wir uns in wenigen Minuten über alle möglichen Bedrohungen in der näheren und weiteren Umwelt informieren können. Filme über soziale Medien erwecken den Eindruck unmittelbar dabei zu sein. Das macht Angst und erzeugt Stress. Krank machend ist nicht der Stress an sich, sondern das Gefühl der Hilflosigkeit. Die Klimakrise rollt in einer Mächtigkeit auf uns zu und lässt uns als ohnmächtige Wesen zurück. Wir wissen immer mehr über die Konsequenzen unseres (Nicht-)Handelns und können trotzdem nicht mehr dazu tun als früher.

Was hilft gegen die Angst? 

Zuerst einmal richtig fürchten lernen. Was paradox klingt, liegt dem Stresskonzept zugrunde: Mit Stress kann ich nur dann richtig umgehen, wenn ich zuvor Techniken zur Entspannung gelernt habe. Wenn ich also selber weiß, wie ich „meinen“ Stress reduzieren kann.

Die Literatur trennt zwischen Angst und Furcht. Beides wird als Emotion gesehen, wobei Furcht eine Reaktion auf eine tatsächliche Bedrohung ist, wenn beispielsweise ein Auto auf mich zukommt und zu überfahren droht. Angst hingegen ein diffuses Gefühl das mich beschleicht, wenn ich an meine morgige Radroute denke und überlege, was mir alles passieren könnte. Einen Reifenplatzer haben und dann tot auf der Straße liegen oder von einem Auto niedergeführt werden und schwer verletzt sein. Da lässt sich so einiges ausmalen. Psychologisch wird das Verhalten erst dann krankhaft, wenn wir uns aufgrund dieser potenziellen Gefahren nicht mehr außer Haus trauen.

Habe ich also viele Ängste, dann ist es gut aktiv in Situationen zu gehen wo ich mich (am besten kontrolliert) fürchten und dann immer mehr an meine Grenzen gehen kann. Als ängstliche Radfahrerin kann ich beispielsweise in Wien zur Bikeschule und dem Trailcenter auf die Hohewand-Wiese fahren. Dort kann ich einerseits lernen, dass ich am Rad sicherer werde und gleichzeitig kann ich mich auf einer Trailroute auch richtig fürchten. Die Furcht ist real, denn stürzen lässt sich auf einer Mountainbike-Strecke allemal. Wichtig ist am Ende des Tages, nicht nur das Fürchten sondern auch das Bewältigen der Furcht, gelernt zu haben. Generelle Antworten was getan werden kann, gibt es nicht außer: besonders ängstliche Menschen sollten oft wie es geht Situationen aufsuchen, wo sie sich eben richtig Fürchten und anschließend entspannen können. Das Erlebte dann guten Freunden zu erzählen, kann einem dann direkt zur Heldin machen.

Lässt es sich in Wien gut Fürchten?

Ja und Nein. Auch Wien wird immer sicherer, die Straßenlampen leuchten Tag und Nacht. Wenngleich natürlich gedimmt wird in der Nacht. Dunkle Ecken gibt es nur mehr wenige. Eine große Stadt wie Wien ist nie ganz ungefährlich, aber die Hotspots lassen sich ja normalerweise vermeiden. Problematischer scheint hier die Situation, dass Kinder kaum mehr Freiraum zum Spielen und zum an die Grenzen gehen haben. Alles muss sicher sein: unter jeder Schaukel ist ein Fallschutz, jeder natürlich aussehende Baum auf einem Spielplatz ist einbetoniert, viel Gitter und viele Zäune rund um die Kinder, dass nur ja nichts passiert. Und so geht es auch Ramona in unserer Geschichte: Sie war als Kind am Spielplatz immer sicher und von Zäunen umgeben und jetzt hat sie die Zäune im Kopf.

Was kann eine Stadt zum Abbau von Ängsten beitragen?

Bauwerke, Infrastruktur, Freizeiteinrichtungen und das Gemeinwesen – in all diesen Bereichen bieten sich Möglichkeiten an. Eine Grundregel lässt sich vielleicht formulieren: alles was zu viel soziale Dichte erzeugt vermeiden, alles was den sozialen Zusammenhalt fördert, verstärken. Vereinzelung, soziale Entwurzelung und mangelnde Solidarität fördern Angstkrankheiten. Der Verlust von sozialer Verbundenheit ist ein wesentlicher Faktor beim Anstieg von Ängsten. Stabile Sozialkontakte hingegen schützen vor krankhaften Ängsten. Die Konzepte der Community Psychology – Networking und Empowerment – bewähren sich schon seit mehr als hundert Jahren und werden auch weiterhin viele gute Antworten bieten. Lebendig werden sie in Wien bei partizipativen Projekten wie der „Lokalen Agenda“ oder auch bei den vielen Stadtteilprojekten und Initiativen wie beispielsweise am „Nordbahnhof“.

Das Besondere: sich zu engagieren ist ein Training, das angstreduzierend wirkt. Das Erlebnis „ich kann etwas ändern und meine Nachbarschaft kenne ich dann auch besser“ führt zu weniger Angst und zu mehr persönlicher Freiheit.

Und wie geht es unserer Ramona mit ihren Ängsten? Nach einem intensiven Bike-Training ist sie jetzt beim Radfahren weniger ängstlich, geht zunehmend mehr aus sich heraus und engagiert sich seit kurzem bei einer Bewohnergruppe. Sie will mit anderen ein Obst- und Gemüsebeet in einem öffentlichen Park aufstellen. Wir wünschen Ihr gutes Gelingen!


Literatur:

Ehmayer-Rosinak, C. (2017). How to Diagnose a City – the Activating City Diagnosis (ACD) as a novel tool for participatory urban development“. In: Community Psychology in Global Perspective CPGP, Comm. Psych. Glob. Persp. Vol 3, Issue 1, 33 – 56. Salento: ESE – Salento University Publishing

Ehmayer, C. (2014): Die Aktivierende Stadtdiagnose als eine besondere Form der Organisationsdiagnose: Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. Hamburg: disserta

Morschitzky, H. & Hartl, T. (2014). Die Angst vor Krankheit verstehen und überwinden. 3. Auflage. Ostfildern: Patmos Verlag. 202 Seiten.

http://www.panikattacken.at/angst-daten/angst-daten.htm
https://www.panikattacken-selbsthilfe.de/furcht-oder-angst-was-ist-der-unterschied/
http://www.hohewandwiese.com/de/trailcenter/bikeschule
https://nordbahnhof.wordpress.com
https://www.la21wien.at

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