Thema

Wann wurde das erste Testprogramm für den öffentlichen Dienst entwickelt?

300 v. Chr. wurde für die Aufnahme in den öffentlichen Dienst wie auch für regelmäßige Leistungskontrollen in China ein Testprogramm entwickelt. Dieses wurde im Laufe der Jahrhunderte modifiziert, aber es blieb in China jedoch in seiner Grundstruktur bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Das chinesische Testsystem wurde von den Engländern für die Auswahl von Mitarbeitern für die East India Company übernommen, modifiziert, ins Heimatland gebracht und führte 1855 zur Einführung eines „kompetitiven Prüfungssystems für den öffentlichen Dienst in Großbritannien“ (Krohne & Hock, 2007, S. 11). 

In der Psychologie hat der Einsatz von Testverfahren eine lange Tradition, wobei es lange Zeit um die Beurteilung individueller Merkmale und um die Beantwortung der Frage ging, wie und in welchem Ausmaß sich ein Mensch von anderen unterscheidet. Mittlerweile werden Testverfahren in vielen gesellschaftlichen Bereichen angewendet, mit dem Ziel „Entscheidungen und daraus resultierende Handlungen zu begründen, zu kontrollieren und zu optimieren“ (Fisseni,1997, S.4). 

Die Stadtpsychologie hat mit der Methode „Aktivierende Stadtdiagnose“ ein Verfahren entwickelt, wo nicht einzelne Personen getestet werden, sondern sich eine ganze Stadt „testen“ lassen kann. Das Ziel dieser Testung ist zu erkennen, ob und wie sehr die jeweilige Gemeinde oder Stadt auf die Herausforderungen der Zukunft gerüstet ist. Die Gemeinde und Städte stellen sich diesem Test natürlich freiwillig, weil sie wissen, dass sie mit den Erkenntnissen besser vorankommen werden. Aber es werden auch die Bürgerinnen und Bürgern aktiv zur Mitsprache eingeladen, weil sie ja einerseits selbst die Gemeinde prägen und andererseits von den Herausforderungen der Zukunft betroffen sind. 

Aktivierende Stadtdiagnose – ASD

Der Canaletto-Blick und das Heumarkt-Projekt

Rund 10 Jahre sind vergangen, seitdem die Entwicklung der beiden Liegenschaften „Wiener Eislaufverein“ und „Hotel InterContinental“ in die Aufmerksamkeit der Wiener Stadtbevölkerung rückte. Beide Institutionen sind aufgrund ihrer langen Tradition stark im Bewusstsein der Wiener Bevölkerung verankert. Die Projektbetreiber wünschten von Beginn an einen intensive Kommunikation mit der umliegenden Nachbarschaft und der interessierten Öffentlichkeit. Mit dieser Aufgabe wurde die STADTpsychologie in der Anfangsphase betraut. Um eine bestmögliche Kommunikation mit den interessierten und betroffenen Personen zu gewährleisten, wurde eine spezielle Vorgehensweise für dieses sensible Projekt entwickelt – die DIALOG_Ausstellung.

Bei der DIALOG_Ausstellung konnten sich die Besucherinnen und Besucher persönlich über den aktuellen Projektfortschritt eine ganze Woche lang informieren. Ebenso war es möglich, Anliegen schriftlich einzubringen und/oder mit den Projektbeteiligten zu diskutieren. Zwischen Oktober 2012 und März 2014 fanden drei DIALOG_Ausstellungen statt. Das Angebot sich über die Projektentwicklung zu informieren, wurde von mehr als 2000 Personen wahrgenommen. Das Siegerprojekt fand in Architekturkreisen als auch bei der Bevölkerung viel Zustimmung, rief aufgrund seiner Höhe zugleich bei den Denkmalschützern starke Ablehnung hervor. Der daraus entstandene Interessenskonflikt konnte noch nicht ganz beigelegt werden, der Entwurf des Architekten Isay Weinfeld ist nach wie vor nicht realisiert.

Infos zum Projekt: Heumarkt-neu
Medieninfo:  Wohnturm ist komplett abgesagt, 2019

Soziale Netzwerke als Krisenhelfer

Es gibt verlassene Häuser und einsame Menschen. Häuser, um die sich keiner kümmert, verfallen. Menschen, um die sich keiner kümmert, sind besonders gefährdet. Es fehlt an emotionaler Unterstützung, praktischer Hilfe und gesundheitlicher Dienstleistung, kognitiver Unterstützung durch Informationen und Erfahrungswissen, Aufrechterhaltung sozialer Identität in Krisenzeiten und Vermittlung von wichtigen Kontakten.

Soziale Netzwerke sind daher nicht nur gesund, sondern lebensnotwendig!

Die psychologische Glücksforschung spricht ebenfalls seit mehr als zwanzig Jahren von der Bedeutung funktionierender sozialer Beziehungen. An oberster Stelle der Glücksbedingungen stehen medizinische Gesundheit und befriedigende Sozialkontakte.

Was für den einzelnen Menschen gut ist, gilt auch für eine ganze Stadt und nennt sich „Resilienz“. Damit ist gemeint, dass Städte mit einem funktionierenden Gemeinwesen deutlich besser durch Krisen kommen. Viele ursprüngliche Funktionen von Nachbarschaft sind in der Großstadt verloren gegangen, aber die Nothilfe, die soziale Kontrolle und die Kommunikation sind erhalten geblieben. Das belegen auch die Erfahrungen der letzten Wochen im Umgang mit der Coronakrise: Menschen können ihre sozialen Unterstützungsleistungen sehr schnell wieder aktivieren, wenn eine Notsituation vorhanden ist.

CoronaVirus und StadtTrauma

Das Coronavirus stellt die Stadt und ihre Menschen vor große soziale und psychologische Herausforderungen. Barrieren werden aufgebaut, das tägliche Leben ist nicht mehr so wie es war, die sozialen Kontakte sind auf ein Minimum beschränkt. Im öffentlichen Raum zeigt sich dies durch gesperrte Spielplätze und leere Straßen. In den Wohnungen der Familien nimmt die soziale Dichte zu – alle müssen miteinander zurecht kommen.

Die massive Einschränkung des eigenen Lebens kommt einer traumatischen Erfahrung sehr nahe, weil es viele Menschen ganz existenziell betrifft. Aber wie werden die Menschen und wie werden die Städte damit umgehen, wenn alles vorbei ist? Was geschieht mit der traumatischen Erfahrung, die uns das Corona-Virus beschert hat? Die wahrscheinlichste Variante ist das „Verdrängen“. Verdrängen ist ein Mechanismus unserer Seele, der uns hilft negative Erlebnisse zu überwinden. Über eine schlechte Erfahrung wird gerne geredet, ein Trauma wird normalerweise verdrängt. Das hilft uns zu überleben. Und so werden wir in ein paar Monaten gerne in unser „altes“ Leben zurückkehren. Ob sich die Stadt dann wirklich nachhaltig verändert haben wird? Wir werden sehen.

Stadt und Nachbarschaft – ein Widerspruch?

Der Vergleich von Städtern und Nicht-Städtern hat gezeigt, dass urbane Lebensformen nicht automatisch isolationsfördernd sind. Menschen in Städten haben oft vielfältigere Beziehungen zu Freunden, Arbeitskollegen und Angehörigen. Aber wie seht es nun mit der Nachbarschaft aus, gibt es sie noch in der großen Stadt?


In der Psychologie wird mit „Nachbarschaft“ nicht ein bestimmter Ort verstanden, sondern eine soziale Gruppe definiert, deren Merkmal die räumliche Gemeinsamkeit des Wohnortes verbindet. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, ist die räumliche Nähe nicht ausreichend – es bedarf zusätzlich an Ähnlichkeiten in Alter, Beruf, sozialer Schicht und Freizeitinteressen. Kurz gesagt, Zusammenleben ein einem Ort erzeugt noch keine Nachbarschaft. Falsch ist auch, enge nachbarschaftliche Beziehungen mit konfliktfreiem Zusammenleben gleichzusetzen. Beinahe zwangsläufig bedeutet Nachbarschaft auch eine Verwicklung in Konflikte, besonders häufig ist Lärm ein Auslöser. Hinzu kommt, dass Nachbarschaft für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen einen unterschiedlichen Stellenwert besitzt. So nimmt der Stellenwert von Nachbarschaft mit zunehmend höherem sozialen Status tendenziell ab, d.h. je besser die Menschen verdienen, umso weniger suchen sie den Kontakt zu den Nachbarn. Aber auch der Lebenszyklus spielt eine ganz wesentliche Rolle: Während die unmittelbare Nachbarschaft für Kinder und Jugendliche zumeist noch sehr wichtig ist, ändert sich das häufig im jungen Erwachsenenalter. Bei der Familiengründung nimmt der Stellenwert von Nachbarschaft wieder zu und wird im höheren Alter sogar oft zur wichtigsten Kommunikationsquelle. Durch Nachbarschaft entstehen dann zahlreiche Vorteile, wenn sie den Charakter eines sozialen Stützsystems annimmt. Befriedigende Nachbarschaftsbeziehungen sind für eine hohe Lebenszufriedenheit und Lebensqualität wichtiger als die Tatsache, ob jemand in der Stadt oder auf dem Land lebt. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurde die Frage diskutiert, ob es in der modernen Großstadt überhaupt noch Nachbarschaft gäbe. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, es gibt sie, aber in veränderter Form. Viele ursprüngliche Funktionen von Nachbarschaft sind in der Großstadt zwar verloren gegangen, aber einige wichtige, wie die Nothilfe, die soziale Kontrolle und die Kommunikation sind erhalten geblieben.

Weiterführende Links:

Verwendete Literatur:
Ehmayer, 2014; Flade, 2006; Hamm, 1996; Hellbrück und Fischer, 1999

 

Angst in der Stadt oder warum Ramona auszog, um das Fürchten zu erlernen

Ramona lebt ein sicheres Leben. Behütet aufgewachsen, beim Spielen kontrolliert, die Ernährung von klein auf Bio, geschützt vor Wind und Wetter. Reisen mit den Eltern, Kindergarten und Schule pädagogisch wertvoll. In die Schule gebracht mit dem Auto, damit nichts passiert und immer das Handy dabei, damit die Eltern wissen, wo sie ist. Und jetzt als junge Erwachsene plötzlich laktoseintolerant, glutenunverträglich und vor allem eines: ängstlich. Angst vor dem Leben, Angst vor der Zukunft, Angst am Abend in der Stadt, Angst vor dem alleine sein und Beklemmungsgefühle in der U-Bahn.

Das Leben in Österreich ist sicher geworden, der Krieg liegt mehr als 70 Jahre zurück. Und trotzdem werden die Menschen immer ängstlicher. Experten gehen davon aus, dass seit den 1950er-Jahre Angststörungen kontinuierlich zugenommen haben. Obwohl das Leben in früheren Jahrhunderten viel stärker bedroht war als heute, nehmen die Menschen gegenwärtig immer weniger Sicherheit im Leben wahr. Die Welt scheint gefährlich, weil wir uns in wenigen Minuten über alle möglichen Bedrohungen in der näheren und weiteren Umwelt informieren können. Filme über soziale Medien erwecken den Eindruck unmittelbar dabei zu sein. Das macht Angst und erzeugt Stress. Krank machend ist nicht der Stress an sich, sondern das Gefühl der Hilflosigkeit. Die Klimakrise rollt in einer Mächtigkeit auf uns zu und lässt uns als ohnmächtige Wesen zurück. Wir wissen immer mehr über die Konsequenzen unseres (Nicht-)Handelns und können trotzdem nicht mehr dazu tun als früher.

Was hilft gegen die Angst? 

Zuerst einmal richtig fürchten lernen. Was paradox klingt, liegt dem Stresskonzept zugrunde: Mit Stress kann ich nur dann richtig umgehen, wenn ich zuvor Techniken zur Entspannung gelernt habe. Wenn ich also selber weiß, wie ich „meinen“ Stress reduzieren kann.

Die Literatur trennt zwischen Angst und Furcht. Beides wird als Emotion gesehen, wobei Furcht eine Reaktion auf eine tatsächliche Bedrohung ist, wenn beispielsweise ein Auto auf mich zukommt und zu überfahren droht. Angst hingegen ein diffuses Gefühl das mich beschleicht, wenn ich an meine morgige Radroute denke und überlege, was mir alles passieren könnte. Einen Reifenplatzer haben und dann tot auf der Straße liegen oder von einem Auto niedergeführt werden und schwer verletzt sein. Da lässt sich so einiges ausmalen. Psychologisch wird das Verhalten erst dann krankhaft, wenn wir uns aufgrund dieser potenziellen Gefahren nicht mehr außer Haus trauen.

Habe ich also viele Ängste, dann ist es gut aktiv in Situationen zu gehen wo ich mich (am besten kontrolliert) fürchten und dann immer mehr an meine Grenzen gehen kann. Als ängstliche Radfahrerin kann ich beispielsweise in Wien zur Bikeschule und dem Trailcenter auf die Hohewand-Wiese fahren. Dort kann ich einerseits lernen, dass ich am Rad sicherer werde und gleichzeitig kann ich mich auf einer Trailroute auch richtig fürchten. Die Furcht ist real, denn stürzen lässt sich auf einer Mountainbike-Strecke allemal. Wichtig ist am Ende des Tages, nicht nur das Fürchten sondern auch das Bewältigen der Furcht, gelernt zu haben. Generelle Antworten was getan werden kann, gibt es nicht außer: besonders ängstliche Menschen sollten oft wie es geht Situationen aufsuchen, wo sie sich eben richtig Fürchten und anschließend entspannen können. Das Erlebte dann guten Freunden zu erzählen, kann einem dann direkt zur Heldin machen.

Lässt es sich in Wien gut Fürchten?

Ja und Nein. Auch Wien wird immer sicherer, die Straßenlampen leuchten Tag und Nacht. Wenngleich natürlich gedimmt wird in der Nacht. Dunkle Ecken gibt es nur mehr wenige. Eine große Stadt wie Wien ist nie ganz ungefährlich, aber die Hotspots lassen sich ja normalerweise vermeiden. Problematischer scheint hier die Situation, dass Kinder kaum mehr Freiraum zum Spielen und zum an die Grenzen gehen haben. Alles muss sicher sein: unter jeder Schaukel ist ein Fallschutz, jeder natürlich aussehende Baum auf einem Spielplatz ist einbetoniert, viel Gitter und viele Zäune rund um die Kinder, dass nur ja nichts passiert. Und so geht es auch Ramona in unserer Geschichte: Sie war als Kind am Spielplatz immer sicher und von Zäunen umgeben und jetzt hat sie die Zäune im Kopf.

Was kann eine Stadt zum Abbau von Ängsten beitragen?

Bauwerke, Infrastruktur, Freizeiteinrichtungen und das Gemeinwesen – in all diesen Bereichen bieten sich Möglichkeiten an. Eine Grundregel lässt sich vielleicht formulieren: alles was zu viel soziale Dichte erzeugt vermeiden, alles was den sozialen Zusammenhalt fördert, verstärken. Vereinzelung, soziale Entwurzelung und mangelnde Solidarität fördern Angstkrankheiten. Der Verlust von sozialer Verbundenheit ist ein wesentlicher Faktor beim Anstieg von Ängsten. Stabile Sozialkontakte hingegen schützen vor krankhaften Ängsten. Die Konzepte der Community Psychology – Networking und Empowerment – bewähren sich schon seit mehr als hundert Jahren und werden auch weiterhin viele gute Antworten bieten. Lebendig werden sie in Wien bei partizipativen Projekten wie der „Lokalen Agenda“ oder auch bei den vielen Stadtteilprojekten und Initiativen wie beispielsweise am „Nordbahnhof“.

Das Besondere: sich zu engagieren ist ein Training, das angstreduzierend wirkt. Das Erlebnis „ich kann etwas ändern und meine Nachbarschaft kenne ich dann auch besser“ führt zu weniger Angst und zu mehr persönlicher Freiheit.

Und wie geht es unserer Ramona mit ihren Ängsten? Nach einem intensiven Bike-Training ist sie jetzt beim Radfahren weniger ängstlich, geht zunehmend mehr aus sich heraus und engagiert sich seit kurzem bei einer Bewohnergruppe. Sie will mit anderen ein Obst- und Gemüsebeet in einem öffentlichen Park aufstellen. Wir wünschen Ihr gutes Gelingen!


Literatur:

Ehmayer-Rosinak, C. (2017). How to Diagnose a City – the Activating City Diagnosis (ACD) as a novel tool for participatory urban development“. In: Community Psychology in Global Perspective CPGP, Comm. Psych. Glob. Persp. Vol 3, Issue 1, 33 – 56. Salento: ESE – Salento University Publishing

Ehmayer, C. (2014): Die Aktivierende Stadtdiagnose als eine besondere Form der Organisationsdiagnose: Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. Hamburg: disserta

Morschitzky, H. & Hartl, T. (2014). Die Angst vor Krankheit verstehen und überwinden. 3. Auflage. Ostfildern: Patmos Verlag. 202 Seiten.

http://www.panikattacken.at/angst-daten/angst-daten.htm
https://www.panikattacken-selbsthilfe.de/furcht-oder-angst-was-ist-der-unterschied/
http://www.hohewandwiese.com/de/trailcenter/bikeschule
https://nordbahnhof.wordpress.com
https://www.la21wien.at

Nähe und Distanz in der Stadt

Während Nähe im privaten Bereich meistens als angenehm empfunden wird, wird diese in der Stadt oft als Überschreitung der eigenen Distanz wahrgenommen. Vor allem dann, wenn sich einander fremde Menschen unfreiwillig nahe kommen müssen, wie beispielsweise beim Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Stauzeit.

Das Phänomen der sozialen Distanz in der wissenschaftlichen Psychologie

Der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall (1914–2009) hat sich mit dem Phänomen von Nähe und Distanz beschäftigt. Er geht davon aus, dass unser Empfinden von Nähe und Distanz biologisch festgelegt ist, jedoch kulturelle Einflüsse eine wesentliche Rolle spielen. Aufbauend auf Edward T. Hall wurden vom Architekturpsychologen Paul Bär (2008) vier verschiedene Distanzmaße erstellt:

Die intime Distanz reicht bis zu 45 cm und zeichnet sich dadurch aus, dass die Gegenwart einer anderen Person deutlich wahrnehmbar ist. Die persönliche Distanz reicht von 45 cm – 100 cm und lässt sich als schützende Sphäre um ein Individuum definieren. Die soziale Distanz reicht von 100 cm – 360 cm. Im Bereich der sozialen Distanz erwartet niemand mehr, körperlich berührt zu werden. Der Begriff „soziale Distanz“ steht in der soziologischen Debatte auch dafür, wie nahe man einen Menschen oder eine Gruppe an sich heranlässt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Begriff immer wieder im Zusammenhang mit Fremden oder der Integrationsdebatte auftaucht. Letztlich ist das Wahren der sozialen Distanz auch ein Aspekt von Sicherheit. Die öffentliche Distanz beginnt bei ca. 360 cm. Gesichter von Menschen können nicht mehr wahrgenommen werden, die Menschen bleiben einander fremd.

Wenn wir uns in der Stadt zwischen fremden Menschen bewegen, beim Einkauf oder auf dem Weg zur Arbeit, dann möchten wir grundsätzlich nicht berührt werden.

Je mehr Menschen aber im öffentlichen Raum unterwegs sind, umso schwieriger wird dieses Unterfangen. Der Unterschied zwischen Stadt und Land könnte auch so beschrieben werden: In der Stadt müssen sich viel mehr fremde Menschen nahe kommen und auf engstem Raum miteinander interagieren, ohne es zu wollen. Psychologisch gesehen wird dabei die persönliche Distanz, die wir als schützenden Bereich rund um uns wahrnehmen – unfreiwillig – durchbrochen.

Häufig in einer Situation zu sein, wo einem Menschen zu nahe kommen, ist nicht nur unangenehm, sondern erzeugt auch Stress.

Kurzfristiger Stress kann mitunter eine aktivierende Wirkung haben, Dauerstress macht jedoch krank. Grundsätzlich haben wir Menschen die Fähigkeit, mit stressigen Situationen fertig zu werden. Geborene Stadtmenschen sind diese besondere Form der soziale Nähe im öffentlichen Raum eher gewohnt als jene, die erst in späteren Jahren in die Stadt ziehen. Sie brauchen oft einige Zeit, um sich an den vermehrten Körperkontakt zu gewöhnen. Das Crowding-Syndrom ist ein Stressphänomen, das jene Personen betrifft, die mit dem Verlust der sozialen Distanz nicht fertig werden, die also unter dem Zuviel an Nähe im öffentlichen Raum leiden. Ausgehend von einer bestimmten Situation wie grelles Licht oder Lärm, gekoppelt mit Menschenmengen, entsteht ein Gefühl der Angst, das sich bis zur Panik steigern kann. Der individualpsychologische Ansatz bietet bei Angstzuständen Hilfe in Form von psychologischer Beratung oder Therapie an. Der stadtpsychologische Zugang führt zusätzlich an, dass als vorbeugende Maßnahme bei der Planung und Gestaltung von öffentlichen Räumen der Aspekt des Crowdings mitüberlegt werden sollte. Forschungen (Schneider, 2011) haben gezeigt, dass Räume, wo viele Menschen aufeinandertreffen und nicht einfach entfliehen können, starke Auslöser für Paniksituationen sein können. Vermehrt findet sich diese stressauslösende Wirkung in der Stadt bei Fußballplätzen, Marktplätzen, Straßenfluchten oder U-Bahnen und allen anderen räumlichen Situationen, die eine Ballung von vielen Menschen an einem Ort zur selben Zeit erzeugen.

Die Stadt bietet aber auch viele gute Gelegenheiten, bei denen eine Ausgewogenheit zwischen dem Wahren des eigenen Freiraums und der Begegnung mit fremden Menschen gefunden werden kann.

Gut funktionierende Parks oder beliebte Plätze zeigen, wie es geht: sie sind so gestaltet, dass sie eine gute Mischung zwischen Rückzugsbereichen und Möglichkeiten zur Annäherung bieten. Vielleicht verbirgt sich hinter dem Wort „Aufenthaltsqualität“ genau diese perfekte Mischung zwischen beiden.

Als ein symbolisches, aber gleichzeitig praktisches Beispiel kann das Bild von der „langen Bank“ herhalten: Auf dieser lässt es sich einerseits gemütlich sitzen oder liegen, gleichzeitig kann genug Abstand zur nächsten Person gewahrt bleiben. Natürlich lässt es sich auf ihr aber auch zusammenrücken, wenn der Bedarf nach mehr Nähe besteht.


Literatur:

Bär, Paul Klaus-Dieter: Architektur-Psychologie. Psychosoziale Aspekte des Wohnens Psychosozial-Verlag, Giessen 2008.
Ehmayer, Cornelia: Die „Aktivierende Stadtdiagnose“ als eine besondere Form der Organisationsdiagnose. Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. disserta Verlag, Hamburg 2014.
Hall, Edward T.: The Hidden Dimension. Garden City, New York 1966.
Hellbrück, Jürgen und Manfred Fischer: Umweltpsychologie. Ein Lehrbuch. Hogrefe, Göttingen 1999.
Schneider, Bernhard: Die Simulation menschlichen Panikverhaltens. Ein Agenten-basierter Ansatz. Springer, 2011.