Thema

Stadt und Nachbarschaft – ein Widerspruch?

Der Vergleich von Städtern und Nicht-Städtern hat gezeigt, dass urbane Lebensformen nicht automatisch isolationsfördernd sind. Menschen in Städten haben oft vielfältigere Beziehungen zu Freunden, Arbeitskollegen und Angehörigen. Aber wie seht es nun mit der Nachbarschaft aus, gibt es sie noch in der großen Stadt?


In der Psychologie wird mit „Nachbarschaft“ nicht ein bestimmter Ort verstanden, sondern eine soziale Gruppe definiert, deren Merkmal die räumliche Gemeinsamkeit des Wohnortes verbindet. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, ist die räumliche Nähe nicht ausreichend – es bedarf zusätzlich an Ähnlichkeiten in Alter, Beruf, sozialer Schicht und Freizeitinteressen. Kurz gesagt, Zusammenleben ein einem Ort erzeugt noch keine Nachbarschaft. Falsch ist auch, enge nachbarschaftliche Beziehungen mit konfliktfreiem Zusammenleben gleichzusetzen. Beinahe zwangsläufig bedeutet Nachbarschaft auch eine Verwicklung in Konflikte, besonders häufig ist Lärm ein Auslöser. Hinzu kommt, dass Nachbarschaft für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen einen unterschiedlichen Stellenwert besitzt. So nimmt der Stellenwert von Nachbarschaft mit zunehmend höherem sozialen Status tendenziell ab, d.h. je besser die Menschen verdienen, umso weniger suchen sie den Kontakt zu den Nachbarn. Aber auch der Lebenszyklus spielt eine ganz wesentliche Rolle: Während die unmittelbare Nachbarschaft für Kinder und Jugendliche zumeist noch sehr wichtig ist, ändert sich das häufig im jungen Erwachsenenalter. Bei der Familiengründung nimmt der Stellenwert von Nachbarschaft wieder zu und wird im höheren Alter sogar oft zur wichtigsten Kommunikationsquelle. Durch Nachbarschaft entstehen dann zahlreiche Vorteile, wenn sie den Charakter eines sozialen Stützsystems annimmt. Befriedigende Nachbarschaftsbeziehungen sind für eine hohe Lebenszufriedenheit und Lebensqualität wichtiger als die Tatsache, ob jemand in der Stadt oder auf dem Land lebt. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurde die Frage diskutiert, ob es in der modernen Großstadt überhaupt noch Nachbarschaft gäbe. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, es gibt sie, aber in veränderter Form. Viele ursprüngliche Funktionen von Nachbarschaft sind in der Großstadt zwar verloren gegangen, aber einige wichtige, wie die Nothilfe, die soziale Kontrolle und die Kommunikation sind erhalten geblieben.

Weiterführende Links:

Verwendete Literatur:
Ehmayer, 2014; Flade, 2006; Hamm, 1996; Hellbrück und Fischer, 1999

 

Angst in der Stadt oder warum Ramona auszog, um das Fürchten zu erlernen

Ramona lebt ein sicheres Leben. Behütet aufgewachsen, beim Spielen kontrolliert, die Ernährung von klein auf Bio, geschützt vor Wind und Wetter. Reisen mit den Eltern, Kindergarten und Schule pädagogisch wertvoll. In die Schule gebracht mit dem Auto, damit nichts passiert und immer das Handy dabei, damit die Eltern wissen, wo sie ist. Und jetzt als junge Erwachsene plötzlich laktoseintolerant, glutenunverträglich und vor allem eines: ängstlich. Angst vor dem Leben, Angst vor der Zukunft, Angst am Abend in der Stadt, Angst vor dem alleine sein und Beklemmungsgefühle in der U-Bahn.

Das Leben in Österreich ist sicher geworden, der Krieg liegt mehr als 70 Jahre zurück. Und trotzdem werden die Menschen immer ängstlicher. Experten gehen davon aus, dass seit den 1950er-Jahre Angststörungen kontinuierlich zugenommen haben. Obwohl das Leben in früheren Jahrhunderten viel stärker bedroht war als heute, nehmen die Menschen gegenwärtig immer weniger Sicherheit im Leben wahr. Die Welt scheint gefährlich, weil wir uns in wenigen Minuten über alle möglichen Bedrohungen in der näheren und weiteren Umwelt informieren können. Filme über soziale Medien erwecken den Eindruck unmittelbar dabei zu sein. Das macht Angst und erzeugt Stress. Krank machend ist nicht der Stress an sich, sondern das Gefühl der Hilflosigkeit. Die Klimakrise rollt in einer Mächtigkeit auf uns zu und lässt uns als ohnmächtige Wesen zurück. Wir wissen immer mehr über die Konsequenzen unseres (Nicht-)Handelns und können trotzdem nicht mehr dazu tun als früher.

Was hilft gegen die Angst? 

Zuerst einmal richtig fürchten lernen. Was paradox klingt, liegt dem Stresskonzept zugrunde: Mit Stress kann ich nur dann richtig umgehen, wenn ich zuvor Techniken zur Entspannung gelernt habe. Wenn ich also selber weiß, wie ich „meinen“ Stress reduzieren kann.

Die Literatur trennt zwischen Angst und Furcht. Beides wird als Emotion gesehen, wobei Furcht eine Reaktion auf eine tatsächliche Bedrohung ist, wenn beispielsweise ein Auto auf mich zukommt und zu überfahren droht. Angst hingegen ein diffuses Gefühl das mich beschleicht, wenn ich an meine morgige Radroute denke und überlege, was mir alles passieren könnte. Einen Reifenplatzer haben und dann tot auf der Straße liegen oder von einem Auto niedergeführt werden und schwer verletzt sein. Da lässt sich so einiges ausmalen. Psychologisch wird das Verhalten erst dann krankhaft, wenn wir uns aufgrund dieser potenziellen Gefahren nicht mehr außer Haus trauen.

Habe ich also viele Ängste, dann ist es gut aktiv in Situationen zu gehen wo ich mich (am besten kontrolliert) fürchten und dann immer mehr an meine Grenzen gehen kann. Als ängstliche Radfahrerin kann ich beispielsweise in Wien zur Bikeschule und dem Trailcenter auf die Hohewand-Wiese fahren. Dort kann ich einerseits lernen, dass ich am Rad sicherer werde und gleichzeitig kann ich mich auf einer Trailroute auch richtig fürchten. Die Furcht ist real, denn stürzen lässt sich auf einer Mountainbike-Strecke allemal. Wichtig ist am Ende des Tages, nicht nur das Fürchten sondern auch das Bewältigen der Furcht, gelernt zu haben. Generelle Antworten was getan werden kann, gibt es nicht außer: besonders ängstliche Menschen sollten oft wie es geht Situationen aufsuchen, wo sie sich eben richtig Fürchten und anschließend entspannen können. Das Erlebte dann guten Freunden zu erzählen, kann einem dann direkt zur Heldin machen.

Lässt es sich in Wien gut Fürchten?

Ja und Nein. Auch Wien wird immer sicherer, die Straßenlampen leuchten Tag und Nacht. Wenngleich natürlich gedimmt wird in der Nacht. Dunkle Ecken gibt es nur mehr wenige. Eine große Stadt wie Wien ist nie ganz ungefährlich, aber die Hotspots lassen sich ja normalerweise vermeiden. Problematischer scheint hier die Situation, dass Kinder kaum mehr Freiraum zum Spielen und zum an die Grenzen gehen haben. Alles muss sicher sein: unter jeder Schaukel ist ein Fallschutz, jeder natürlich aussehende Baum auf einem Spielplatz ist einbetoniert, viel Gitter und viele Zäune rund um die Kinder, dass nur ja nichts passiert. Und so geht es auch Ramona in unserer Geschichte: Sie war als Kind am Spielplatz immer sicher und von Zäunen umgeben und jetzt hat sie die Zäune im Kopf.

Was kann eine Stadt zum Abbau von Ängsten beitragen?

Bauwerke, Infrastruktur, Freizeiteinrichtungen und das Gemeinwesen – in all diesen Bereichen bieten sich Möglichkeiten an. Eine Grundregel lässt sich vielleicht formulieren: alles was zu viel soziale Dichte erzeugt vermeiden, alles was den sozialen Zusammenhalt fördert, verstärken. Vereinzelung, soziale Entwurzelung und mangelnde Solidarität fördern Angstkrankheiten. Der Verlust von sozialer Verbundenheit ist ein wesentlicher Faktor beim Anstieg von Ängsten. Stabile Sozialkontakte hingegen schützen vor krankhaften Ängsten. Die Konzepte der Community Psychology – Networking und Empowerment – bewähren sich schon seit mehr als hundert Jahren und werden auch weiterhin viele gute Antworten bieten. Lebendig werden sie in Wien bei partizipativen Projekten wie der „Lokalen Agenda“ oder auch bei den vielen Stadtteilprojekten und Initiativen wie beispielsweise am „Nordbahnhof“.

Das Besondere: sich zu engagieren ist ein Training, das angstreduzierend wirkt. Das Erlebnis „ich kann etwas ändern und meine Nachbarschaft kenne ich dann auch besser“ führt zu weniger Angst und zu mehr persönlicher Freiheit.

Und wie geht es unserer Ramona mit ihren Ängsten? Nach einem intensiven Bike-Training ist sie jetzt beim Radfahren weniger ängstlich, geht zunehmend mehr aus sich heraus und engagiert sich seit kurzem bei einer Bewohnergruppe. Sie will mit anderen ein Obst- und Gemüsebeet in einem öffentlichen Park aufstellen. Wir wünschen Ihr gutes Gelingen!


Literatur:

Ehmayer-Rosinak, C. (2017). How to Diagnose a City – the Activating City Diagnosis (ACD) as a novel tool for participatory urban development“. In: Community Psychology in Global Perspective CPGP, Comm. Psych. Glob. Persp. Vol 3, Issue 1, 33 – 56. Salento: ESE – Salento University Publishing

Ehmayer, C. (2014): Die Aktivierende Stadtdiagnose als eine besondere Form der Organisationsdiagnose: Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. Hamburg: disserta

Morschitzky, H. & Hartl, T. (2014). Die Angst vor Krankheit verstehen und überwinden. 3. Auflage. Ostfildern: Patmos Verlag. 202 Seiten.

http://www.panikattacken.at/angst-daten/angst-daten.htm
https://www.panikattacken-selbsthilfe.de/furcht-oder-angst-was-ist-der-unterschied/
http://www.hohewandwiese.com/de/trailcenter/bikeschule
https://nordbahnhof.wordpress.com
https://www.la21wien.at

Nähe und Distanz in der Stadt

Während Nähe im privaten Bereich meistens als angenehm empfunden wird, wird diese in der Stadt oft als Überschreitung der eigenen Distanz wahrgenommen. Vor allem dann, wenn sich einander fremde Menschen unfreiwillig nahe kommen müssen, wie beispielsweise beim Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Stauzeit.

Das Phänomen der sozialen Distanz in der wissenschaftlichen Psychologie

Der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall (1914–2009) hat sich mit dem Phänomen von Nähe und Distanz beschäftigt. Er geht davon aus, dass unser Empfinden von Nähe und Distanz biologisch festgelegt ist, jedoch kulturelle Einflüsse eine wesentliche Rolle spielen. Aufbauend auf Edward T. Hall wurden vom Architekturpsychologen Paul Bär (2008) vier verschiedene Distanzmaße erstellt:

Die intime Distanz reicht bis zu 45 cm und zeichnet sich dadurch aus, dass die Gegenwart einer anderen Person deutlich wahrnehmbar ist. Die persönliche Distanz reicht von 45 cm – 100 cm und lässt sich als schützende Sphäre um ein Individuum definieren. Die soziale Distanz reicht von 100 cm – 360 cm. Im Bereich der sozialen Distanz erwartet niemand mehr, körperlich berührt zu werden. Der Begriff „soziale Distanz“ steht in der soziologischen Debatte auch dafür, wie nahe man einen Menschen oder eine Gruppe an sich heranlässt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Begriff immer wieder im Zusammenhang mit Fremden oder der Integrationsdebatte auftaucht. Letztlich ist das Wahren der sozialen Distanz auch ein Aspekt von Sicherheit. Die öffentliche Distanz beginnt bei ca. 360 cm. Gesichter von Menschen können nicht mehr wahrgenommen werden, die Menschen bleiben einander fremd.

Wenn wir uns in der Stadt zwischen fremden Menschen bewegen, beim Einkauf oder auf dem Weg zur Arbeit, dann möchten wir grundsätzlich nicht berührt werden.

Je mehr Menschen aber im öffentlichen Raum unterwegs sind, umso schwieriger wird dieses Unterfangen. Der Unterschied zwischen Stadt und Land könnte auch so beschrieben werden: In der Stadt müssen sich viel mehr fremde Menschen nahe kommen und auf engstem Raum miteinander interagieren, ohne es zu wollen. Psychologisch gesehen wird dabei die persönliche Distanz, die wir als schützenden Bereich rund um uns wahrnehmen – unfreiwillig – durchbrochen.

Häufig in einer Situation zu sein, wo einem Menschen zu nahe kommen, ist nicht nur unangenehm, sondern erzeugt auch Stress.

Kurzfristiger Stress kann mitunter eine aktivierende Wirkung haben, Dauerstress macht jedoch krank. Grundsätzlich haben wir Menschen die Fähigkeit, mit stressigen Situationen fertig zu werden. Geborene Stadtmenschen sind diese besondere Form der soziale Nähe im öffentlichen Raum eher gewohnt als jene, die erst in späteren Jahren in die Stadt ziehen. Sie brauchen oft einige Zeit, um sich an den vermehrten Körperkontakt zu gewöhnen. Das Crowding-Syndrom ist ein Stressphänomen, das jene Personen betrifft, die mit dem Verlust der sozialen Distanz nicht fertig werden, die also unter dem Zuviel an Nähe im öffentlichen Raum leiden. Ausgehend von einer bestimmten Situation wie grelles Licht oder Lärm, gekoppelt mit Menschenmengen, entsteht ein Gefühl der Angst, das sich bis zur Panik steigern kann. Der individualpsychologische Ansatz bietet bei Angstzuständen Hilfe in Form von psychologischer Beratung oder Therapie an. Der stadtpsychologische Zugang führt zusätzlich an, dass als vorbeugende Maßnahme bei der Planung und Gestaltung von öffentlichen Räumen der Aspekt des Crowdings mitüberlegt werden sollte. Forschungen (Schneider, 2011) haben gezeigt, dass Räume, wo viele Menschen aufeinandertreffen und nicht einfach entfliehen können, starke Auslöser für Paniksituationen sein können. Vermehrt findet sich diese stressauslösende Wirkung in der Stadt bei Fußballplätzen, Marktplätzen, Straßenfluchten oder U-Bahnen und allen anderen räumlichen Situationen, die eine Ballung von vielen Menschen an einem Ort zur selben Zeit erzeugen.

Die Stadt bietet aber auch viele gute Gelegenheiten, bei denen eine Ausgewogenheit zwischen dem Wahren des eigenen Freiraums und der Begegnung mit fremden Menschen gefunden werden kann.

Gut funktionierende Parks oder beliebte Plätze zeigen, wie es geht: sie sind so gestaltet, dass sie eine gute Mischung zwischen Rückzugsbereichen und Möglichkeiten zur Annäherung bieten. Vielleicht verbirgt sich hinter dem Wort „Aufenthaltsqualität“ genau diese perfekte Mischung zwischen beiden.

Als ein symbolisches, aber gleichzeitig praktisches Beispiel kann das Bild von der „langen Bank“ herhalten: Auf dieser lässt es sich einerseits gemütlich sitzen oder liegen, gleichzeitig kann genug Abstand zur nächsten Person gewahrt bleiben. Natürlich lässt es sich auf ihr aber auch zusammenrücken, wenn der Bedarf nach mehr Nähe besteht.


Literatur:

Bär, Paul Klaus-Dieter: Architektur-Psychologie. Psychosoziale Aspekte des Wohnens Psychosozial-Verlag, Giessen 2008.
Ehmayer, Cornelia: Die „Aktivierende Stadtdiagnose“ als eine besondere Form der Organisationsdiagnose. Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. disserta Verlag, Hamburg 2014.
Hall, Edward T.: The Hidden Dimension. Garden City, New York 1966.
Hellbrück, Jürgen und Manfred Fischer: Umweltpsychologie. Ein Lehrbuch. Hogrefe, Göttingen 1999.
Schneider, Bernhard: Die Simulation menschlichen Panikverhaltens. Ein Agenten-basierter Ansatz. Springer, 2011.

Zum Nachhören: Stadtgespräch über „Licht und Emotionen“

Stadtpsychologie ist das Thema dieser Stadtgespräche. Wir möchten sehen, wie sehr in der dunklen Jahreszeit die Wahrnehmung von Licht und Farben in der Nacht auf unser Leben wirkt.

Im Gespräch mit der Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer erfahren Marie-Theres Gartner und Lothar Bodingbauer, wie die Wirkung von Licht mit Gefühlen verbunden ist.

> Hier gehts zum Stadtgespräch

Stadtgespräch ist der Podcast zur Ausstellung „Zukunft der Stadt“, die derzeit im Technischen Museum in Wien läuft.

Wohnzufriedenheit im Hochhaus

Wohnen schafft Wohlbefinden und wirkt sich auf die psychische Gesundheit aus. Das belegen zahlreiche psychologische Studien. Derzeit noch wenig erforscht ist, welchen Einfluss das Wohnen im Hochhaus auf die Bewohnerinnen und Bewohner hat. Die STADTpsychologie hat recherchiert und ist zu folgenden Ergebnissen gekommen:


Wer wohnt im Hochaus?

Hochhäuser ziehen vor allem junge gebildete, urban orientierte Singles an sowie Personen ab 50 Jahren. Es lässt sich sagen, dass sich die Wohnphase im Hochhaus meistens entweder vor oder nach einer Familiengründung abspielt, also bevor es Kinder gibt bzw. wenn diese schon wieder aus dem Haus sind. Normalerweise besteht der Haushalt in einem Hochhaus aus 1-2 Personen, falls es doch Kinder gibt, dann höchstens zwei. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner sind gebildet, haben Matura oder eine akademische Ausbildung. Dadurch sind sie auch finanziell besser gestellt als der Durchschnitt.

Welche psychologischen Effekte üben Hochhäuser auf ihre Bewohnerinnen und Bewohner aus?

Die Metastudie von Robert Gifford (2007) zu diesem Thema zeigt, dass Wohnen in Hochhäusern tendenziell zu Entfremdung führt, was sich auch in einem Mangel an nachbarschaftlicher Unterstützung ausdrückt. Charles Montgomery (2013) kommt in seinem wirklich lesenswerten Buch „Happy City“ zu ähnlichen Ergebnissen: In Hochhäusern entstehen keine nachbarschaftlichen Stützsysteme. Es fehlt hier somit an einer wertvollen gesellschaftlichen Ressource, die in der soziologischen Diskussion nach Bourdieu als Sozialkapital bezeichnet wird (Jansen, 2006). Die Studie von Gifford zeigt weiters, dass Menschen in Hochhäusern aufgrund fehlender nachbarschaftlicher Beziehungen durchwegs ängstlicher sind als der Durchschnitt. Ältere Menschen weisen öfter psychische Probleme auf und sind sozial noch isolierter als in anderen Wohnformen.

Welche positiven Aspekte lassen sich beschreiben?

Geschätzt wird an einem Hochhaus unter anderem die gute Sicht in höheren Stockwerken sowie – falls das Hochhaus zentral und urban liegt – die gute Lage, idealerweise mit Grünräumen. Je höher man wohnt, desto zufriedener ist man im Normalfall auch, sofern ein Sichtbezug zum Boden (Straße, Bäume, Menschen) gegeben ist. Hier hat sich nämlich gezeigt, dass die Wohnzufriedenheit wieder abnimmt, wenn die Wohnung in zu großer Entfernung vom Boden liegt.

Wie kann die Wohnqualität im Hochhaus positiv beeinflusst werden?

Laut Forschungsergebnissen erhöht ein Portier das subjektive Sicherheitsgefühl der Bewohnerinnen und Bewohner deutlich. Die fehlende nachbarschaftliche Unterstützung wird so durch eine externe soziale Kontrolle kompensiert. Eine Wohnung, die in einer gewissen Höhe liegt und eine optimale Sicht garantiert, steigert das Wohlbefinden ebenfalls. Eine Bewohnerschaft, die aktiv an nachbarschaftlichen Beziehungen interessiert ist, wäre gerade bei Hochhäusern ein ganz wesentlicher Faktor.

Wie stehen die Wienerinnen und Wiener zum Hochhaus?

Eine aktuell repräsentative Studie gibt es nicht, deshalb lässt sich darüber nur spekulieren: die Wienerinnen und Wiener stehen den Hochhäusern wohl aber eher ablehnend gegenüber. Das Errichten eines neuen Hochhauses in einer bestehenden Wohnumgebung oder auf der grünen Wiese sorgt in Wien zunächst einmal für Vorbehalte und Skepsis. Diese Vorbehalte sind psychologisch nachvollziehbar, geht doch mit dem Bau eines Hochhauses eine starke Veränderung im Stadtbild und damit auch mit der vertrauten Wohnumgebung einher. Hier ist es ganz besonders wichtig, die Betroffenen bereits in den Planungsprozess einzubinden, so wie es im Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung – der im Dezember 2016 im Wiener Gemeinderat beschlossen wurde – vorgesehen ist.

Warum ist die Wohnzufriedenheit in den Hochhäusern des Wohnparks Alt-Erlaa so besonders hoch?

Die Wohnzufriedenheit des Wohnparks Alt-Erlaa (Wikipedia) hat vor allen damit zu tun, dass es von Beginn an eine sehr aktive Nachbarschaft gab. Viele Gruppen fanden sich zu unterschiedlichsten Aktivitäten zusammen und kommunizierten ihre Aktivitäten auch über klassische Medien wie Zeitung oder Fernsehen an die anderen Bewohnerinnen und Bewohner. Dies führte zu einem hohen Sense of Community (Gemeinschaftsgefühl), das auch noch heute vorhanden ist. Wesentlich ist, dass ein vorhandener Sense of Community das eigene Wohlbefinden steigert und sich auf die Gesundheit positiv auswirkt. Ziemlich sicher sind die Menschen in Alt-Erlaa weniger krank als in vergleichbaren Wohngebieten mit geringerer Wohnzufriedenheit. Wichtig ist jedoch zu bemerken, dass der Wohnpark Alt-Erlaa ein Prestigeobjekt mit ganz besonderen Qualitäten ist, das nicht repräsentativ für andere Hochhaussiedlungen herangezogen werden kann.

Hat sich in den letzten Jahren in der Wahrnehmung von Hochhäusern etwas geändert?

Bemerkenswert ist, dass sich unsere Wahrnehmung, was ein Hochhaus ausmacht, in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat: Vor 30 Jahren wurde das Philips-Haus an der Triester Straße als Hochhaus wahrgenommen, heute wird es vermutlich nicht einmal mehr als hohes Haus gesehen. Der Ringturm mit seinen 70 Metern wird eher als „hohes Haus“ und nicht als Hochhaus bezeichnet. Die Wohnsiedlungen am Wienerberg oder über der alten Donau mit ihren 100 Metern (und mehr) entsprechen dagegen am ehesten unseren aktuellen Vorstellungen vom Hochhaus.

Verwendete Literatur:

Bourdieu, Pierre: Sozialer Raum und „Klassen“. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995 // Ehmayer, Cornelia: Die „Aktivierende Stadtdiagnose“ als eine besondere Form der Organisationsdiagnose. Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. Hamburg: disserta Verlag, 2014 // Gifford, Robert: The Consequences of Living in High-Rise Buildings. Architectural Science Review 02/2007; 50(1):2-17 // Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage, 2006 // Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung: https://masterplan-partizipation.wien.gv.at/site/; abgerufen am 10.3.2015 // Montgomery, Charles: Happy City. Transforming Our Lives Through Urban Design. London: Penguin, 2013 // Musil, Ilse: Wohnzufriedenheit und Wohlbefinden in Hochhäusern. Diplomarbeit: Universität Wien, 2004 // Wohnpark Alt-Erlaa: http://de.wikipedia.org/wiki/Wohnpark_Alt-Erlaa; abgerufen am 10.3.2015

Winter und Wetter in der Stadt

Auch wenn die Adventszeit schon hinter uns liegt und die Weihnachtsbeleuchtung weitgehend abgebaut ist, ist Wien von nächtlicher Dunkelheit oft weit entfernt: Lichter und Lampen erhöhen zwar das subjektive Sicherheitsgefühl, können empfindlichen Personen aber durchaus die Nachtruhe rauben, da ihr Biorhythmus durch die Lichtverschmutzung mitunter ganz schön durcheinander gerät.

Lichtintensität und Wetter sind dabei aufs engste mit dem persönlichen Wohlbefinden verbunden, denn Wetter ist – auch in der Stadt – nicht trivial. Dabei emanzipiert uns die Stadt auch ein Stück weit vom natürlichen Klima. Im Gegensatz zum Land bietet die bebaute Stadt zumeist besseren Schutz vor Wetterphänomenen, seien das nun Sturm und Gewitter, Hitze oder Kälte. Allerdings gibt es durchaus Wetterlagen, die in der Stadt einen Ausnahmezustand herbeiführen: Wenn es etwa in Wien intensiv zu schneiden beginnt, dann scheint es, als würden die Stadtbewohnerinnen und Bewohner eine noch nie dagewesene Überraschung erleben. Plötzlich wird es viel ruhiger in der Stadt und alles beginnt sich zu verlangsamen. Im Zuge der globalen Erderwärmung werden die Schneetage zwar weniger, nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade deshalb bleibt der Schnee in der Stadt etwas Besonderes.

Kündigt sich ein Wetterumschwung an, erleben heute zunehmend mehr Menschen körperliche und psychische Beeinträchtigungen. Wetterfühlige Personen leiden bei einer Tiefdruckwetterlage verstärkt an Müdigkeitserscheinungen, Konzentrationsstörungen und Fehlleistungen. Jahreszeiten und das Wetter haben also nicht nur großen Einfluss auf die Gestaltung unseres Alltags, sondern auch auf unsere Stimmung. Paradoxerweise löst eine Wetteränderung in der Stadt stärkere Wetterfühligkeit aus als am Land. Erklärt wird dies damit, dass wir nur noch selten Klimaveränderungen direkt ausgesetzt sind, weil wir den größten Teil unseres Alltag in geschützten Räumen verbringen. Als Folge davon kann sich unser Organismus auf Wetter- und Klimaveränderungen schlechter einstellen und es kommt dann zu einer Art Überreaktion. Zu Fuß gehen oder Rad fahren sind daher auch im Winter einfache und gute Möglichkeiten, dem Körper etwas Gutes zu tun.

Die bebaute Stadt bietet aber nicht nur Schutz vor Wetterphänomenen, sondern erzeugt oder verstärkt ihrerseits oft selbst welche: Eine große zukünftige Herausforderung wird der Klimawandel mit dem damit verbundenen Temperaturanstieg sein. Dieser betrifft besonders Städte, einerseits, weil bereits heute der Großteil der Menschheit im urbanen Raum lebt, andererseits weil sich im dicht verbauten Gebiet die Hitze stärker ausbreitet und es deutlich langsamer abkühlt. Eine Stadtgestaltung, die auf diese Herausforderung entsprechend reagiert, ist dann besonders wichtig. So beschäftigte sich etwa das Projekt der Wiener Umweltschutzabteilung „Nachhaltiger Urbaner Platz“ mit der Frage, wie die Auswirkungen von klimatischen und demographischen Veränderungen bei den von der Bevölkerung gerne genutzten Plätzen im Stadtteil berücksichtigt werden können. Ein nachhaltiger urbaner Platz muss zukünftig deutlich mehr für Hitze und Starkregen gerüstet sein, aber auch mehr Grün oder Bäume aufweisen, um den Menschen Schutz zu bieten.

Stadt kann trotz ausgetüftelter Architektur und technologischen Innovationen also noch nicht ohne Wetter gedacht werden und das ist auch gut so: schließlich tragen die verschiedenen Jahreszeiten auch dazu bei, dass Städte immer neu erfahrbar werden und sich die Nutzungsmöglichkeiten stets verändern.

Sich die Stadt zu eigen machen

Jede Stadt und Gemeinde braucht Menschen, die sich ihrer annehmen und sich öffentliche Räume aneignen, indem eine Beziehung zu ihnen hergestellt wird. Aneignung ist also so etwas wie ein Schlüssel zu einer lebendigen Stadt.


Aneignung und Psychologie

Aus psychologischer Sicht kann Aneignung als lebensraumbezogenes Grundbedürfnis des Menschen (Maderthaner, 1995; Flade, 2006) definiert werden. Sich etwas zu eigen zu machen bedeutet dabei, auf etwas Einfluss auszuüben, sich darum zu kümmern, Vertrauen und Bindung herzustellen und sich letztlich damit zu identifizieren. Aneignung wird dabei von Gefühlen der Zugehörigkeit und des Wohlbefindens (Peterschelka, 1999) begleitet. Aneignung ist als interaktiver Prozess einer Mensch-Umwelt-Beziehung zu verstehen, der dem Bedürfnis nach aktiver Gestaltung der Lebensumwelt nachkommt, indem Menschen sich etwas „zu eigen machen“.

Umweltaneignung bezieht sich dabei weniger auf die Veränderung von fest verbauter Architektur, sondern auf die flexibleren, vielfältig nutzbaren Teile der Umwelt. Umweltaneignung geschieht durch Inbesitznahme – auch wenn diese nur temporär geschieht – sowie durch Personalisierung (Walden, 1995; Graumann, 1996; Flade, 2006). Umwelten, die Gelegenheit zur Aneignung und damit zur Identifikation bieten, können also helfen, dem Erleben von Kontrollverlust und Hilflosigkeit entgegenzuwirken (Flade, 2008).

Von der passiven Nutzung zur aktiven Mitgestaltung

Um Aneignung zu erzeugen, sind alle Formen des „Mit“ relevant, also Mitreden, Mitgestalten und Mitentscheiden. Dadurch werden Menschen befähigt, von passiven Nutzern zu aktiven Mitgestaltern zu werden. Mittlerweile herrscht in der Praxis eine stark regulierte Nutzung von öffentlichen Räumen vor, wodurch Menschen kaum als Gestalterinnen und Gestalter auftreten – Aneignung des öffentlichen Raums passiert also mehrheitlich nicht von selbst. Eine Ausnahme bilden vorwiegend junge Leute, die sich öffentlichen Raum über vielfältige Formen aneignen: Guerilla Knitting, Guerilla Gardening, Graffitis, aber auch über Vandalismus. Die restliche Stadtbevölkerung braucht Reize und Angebote, um den öffentlichen Raum „in Besitz zu nehmen“. Das spiegelt sich auch im Zugang der STADTpsychologie wider, die darauf setzt, besonders jene Menschen zu aktivieren, die wenig Erfahrung mit Stadtentwicklungsprozessen haben – und das sind nicht nur Minderheiten und Randgruppen.

Die STADTpsychologie am Wiener Donaukanal

0 DK Aneignung guerilla gardeninge _ip_psDie STADTpsychologie hat auf dieser Ebene bereits zahlreiche Projekte umgesetzt, besonders aktiv war sie am Wiener Donaukanal. Ein Beispiel sind Ermöglichungsräume wie jener bei der Franzensbrücke, die laut Masterplan Donaukanal (2009) als „nutzungsoffene Bereiche, die gemeinsam mit der Bevölkerung zu gestalten und zu beleben sind“ definiert sind. Die STADTpsychologie setzte darauf, zuerst zu verstehen, was den Nutzerinnen und Nutzern wichtig ist und darauf aufbauend dann entsprechende Angebote und Interventionen zu setzen. In einer systematischen Beobachtung von über 700 Personen sowie qualitativen Interviews wurde erhoben, wofür dieser Abschnitt des Donaukanals genutzt werden sollte. Ergebnisse dieser partizipativen Prozessgestaltung waren Mal-Aktionen und das Vernetzen von lokalen Akteuren wie Kindergärten, Schulen oder Parkbetreuung mit der Bezirkspolitik und den zuständigen Magistratsdienststellen.

All das zeigt, wie wichtig städtische Freiräume sind, an denen Menschen eigenständig ihre Ideen und Kreativität einbringen können und deren Nutzungszweck nicht schon von privaten Interessen vordefiniert und festgelegt ist. Die Aneignung von öffentlichen Räumen trägt nicht zuletzt dazu bei, einer Stadt ihre Individualität und Einzigartigkeit zu verleihen und sie von anderen Metropolen unterscheidbar zu machen, da die Möglichkeiten, Potenziale, aber auch Grenzen der Raumaneignung in jeder Stadt unterschiedlich sind.

In diesem Sinne: Nutzen Sie die Sommermonate für Erkundungen in Ihrer Nachbarschaft und halten Sie Ausschau danach, wo Aneignung bereits passiert – und seien Sie kreativ und neugierig, wo Sie sich selber mit Ihren Ideen einbringen können.

 

Literatur & Links

  • Flade, A. (2006). Wohnen psychologisch betrachtet. Bern: Huber.
  • Flade, A. (2008). Architektur psychologisch betrachtet. Bern: Huber.
  • Graumann, C.-F. (1996). Aneignung. In Kruse, L., Graumann, C. F. & Lantermann, E. D. (Hrsg.). Ökologische Psychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen (S. 124–130). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
  • Maderthaner, R. (1995). Soziale Faktoren urbaner Lebensqualität. In Keul, A. (Hrsg.), Wohlbefinden in der Stadt (S. 172–197). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
  • Peterschelka, Ch. (1999). Partizipation aus psychologischer Sicht: Bürgerbeteiligung in Planungsprozessen. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Walden, R. (1995). Wohnen und Wohnumgebung. In Keul, A. (Hrsg.), Wohlbefinden in der Stadt – Umwelt- und gesundheitspsychologische Perspektiven (S. 69–98). Weinheim: Beltz.
  • FairnessZone Donaukanal
  • Ermöglichungsraum Franzensbrücke
  • Ermöglichungsraum Friedensbrücke
  • Masterplan Donaukanal
  • Studie Wohlfühloase Donaukanal