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Wenn der Vorhang fällt: Das „andere“ Kitzbühel und seine Zukunft

Es gibt diesen Moment, wenn der Trubel nachlässt. Wenn die letzten Gäste abreisen, die Auslagen nicht mehr funkeln müssen und die Stadt wieder in ihren eigenen Rhythmus zurückfindet. Wer dann durch Kitzbühel geht, sieht etwas, das in Hochglanzbroschüren kaum vorkommt: ein ganz normales, lebendiges Gemeinwesen.

Eine Bewohnerin hat es in einem Gespräch einmal so beschrieben: Kitzbühel sei wie ein Theater. Die meisten sehen nur die Vorstellung. Aber wenn der Vorhang fällt, beginnt für die Einheimischen die schönste Zeit. Genau dieses „andere“ Kitzbühel stand im Zentrum einer stadtpsychologischen Feldforschung, die sich mit den zukunftsfähigen Potenzialen der Stadt beschäftigt hat. Uns interessierte nicht das Image, sondern das Erleben. Nicht die Marke, sondern die Beziehung zwischen Menschen und Ort.

 

Zwei Seiten einer Stadt

Kitzbühel lebt mit einer doppelten Identität. Auf der einen Seite das Bild von „Reich und Schön“, von Events, Wintersport und internationalem Publikum. Auf der anderen Seite ein Alltagsort mit Schulen, Vereinen, Nachbarschaften, Sorgen und Hoffnungen. Viele Bewohner:innen beschreiben sehr klar diese Trennung zwischen dem sichtbaren Kitzbühel und dem gelebten Kitzbühel. Das mediale Bild fühlt sich für manche an wie eine Bühne, auf der sich Kitzbühel für andere präsentiert. Das eigene Leben findet eher hinter den Kulissen statt. Diese Spannung ist nicht nur eine Frage des Images. Sie wirkt sich auf Zugehörigkeit, Selbstverständnis und Zukunftsgefühl aus. Wer hat das Gefühl, hier wirklich gemeint zu sein? Und wessen Bedürfnisse stehen im Vordergrund?

 

Ein starkes „Wir“ als soziales Fundament

Auffallend in vielen Gesprächen war, wie klar die Kitzbüheler:innen benennen können, wer dieses „Wir“ eigentlich ist. Man kennt einander, man weiß, wie der Ort funktioniert, man teilt Erinnerungen, Orte und Geschichten. Dieses „Wir“ ist ein gewachsenes soziales Gefüge. Es zeigt sich in dichten Beziehungsnetzen, in Vereinen, Nachbarschaften und informellen Kontakten. Man begegnet sich immer wieder, übernimmt Verantwortung, hilft einander aus. Dieses Netz trägt den Ort im Alltag, oft unsichtbar für jene, die nur kurz zu Gast sind.

Aus stadtpsychologischer Perspektive ist ein solcher sozialer Zusammenhalt ein zentraler Faktor für kommunale Resilienz. Orte, in denen Menschen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und tragfähige Beziehungen erleben, sind besser in der Lage, mit Krisen, Konflikten und Veränderungen umzugehen. Ein starkes „Wir“ bedeutet auch: sich für den eigenen Ort zuständig zu fühlen, sich einzumischen, mitzutragen und im Ernstfall füreinander da zu sein.

Gleichzeitig zeigt sich dieses „Wir“ besonders deutlich dort, wo es sich von einem „Nicht Wir“ abgrenzt – etwa gegenüber sehr wohlhabenden Gästen oder Menschen mit Zweitwohnsitz, die nur selten vor Ort sind. Diese Abgrenzung ist weniger Ausdruck bloßer Ablehnung als ein Hinweis darauf, wie stark der Wunsch ist, das eigene Lebensumfeld zu schützen und mitgestalten zu können.

Aus stadtpsychologischer Sicht ist dieses ausgeprägte „Wir Gefühl“ daher eine doppelte Kraft. Es kann ausschließend wirken, wenn Grenzen zu starr werden. Vor allem aber ist es ein Zeichen von tiefer Ortsverbundenheit, Verantwortung und Engagement. Menschen, die so klar sagen können „Das ist unser Kitzbühel“, zeigen damit auch ihre Bereitschaft, diesen Ort durch Zeiten des Wandels hindurch lebenswert zu halten.

 

Wenn Veränderung schmerzt

Ein zentrales Thema in vielen Gesprächen war das Gefühl, dass sich der Ort stark verändert. Nicht abrupt, sondern schleichend. Teurere Wohnungen. Mehr Zweitwohnsitze. Mehr Anpassung an Gäste, weniger Orientierung an den Bedürfnissen der dauerhaft hier Lebenden. Gerade vor dem Hintergrund dieses starken „Wir“ werden Veränderungen besonders sensibel wahrgenommen. Wenn vertraute Geschäfte verschwinden, Treffpunkte weniger werden oder Wohnraum für Einheimische knapp wird, geht es nicht nur um Funktionales. Es geht um den Verlust von Beziehungsräumen. Solche Erfahrungen lassen sich mit einem Begriff beschreiben, der in der Umweltpsychologie immer wichtiger wird: Solastalgie. Gemeint ist der Schmerz darüber, dass sich die vertraute Umgebung so verändert, dass sie sich nicht mehr wie Heimat anfühlt, obwohl man weiterhin dort lebt. In Kitzbühel verbindet sich dieses Gefühl mit mehreren Entwicklungen gleichzeitig: dem starken Tourismus, der wachsenden Zahl an Zweitwohnsitzen und den spürbaren Auswirkungen der Klimakrise auf einen Ort, dessen Identität eng mit dem Wintersport verbunden ist. Viele Menschen äußern Sorgen um die Zukunft, aber nicht nur wirtschaftlich. Es geht auch um die Frage: Bleibt Kitzbühel ein Ort, mit dem ich mich identifizieren kann? Bleibt dieses „Wir“ tragfähig?

 

Tourismus zwischen Stolz und Überforderung

Tourismus wird in Kitzbühel keineswegs nur negativ gesehen. Im Gegenteil. Viele schätzen das kulturelle Angebot, die Infrastruktur und die Lebendigkeit, die ohne Gäste so nicht möglich wären. Veranstaltungen, Sportmöglichkeiten und internationale Kontakte werden durchaus als Bereicherung erlebt. Gleichzeitig wird aber auch von Überforderung gesprochen. Von Zeiten, in denen die Stadt sich zu voll anfühlt. Von Preisen, die für Einheimische schwer leistbar sind. Von dem Gefühl, im eigenen Wohnort zur Nebenfigur zu werden.

Hier zeigt sich ein klassisches Spannungsfeld: Tourismus als Lebensgrundlage und als Belastung zugleich. Zukunftsfähigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht weniger Tourismus um jeden Preis, sondern einen bewussteren Umgang mit seinen sozialen und räumlichen Folgen – so, dass das lokale „Wir“ nicht an den Rand gedrängt wird.

 

Zweitwohnsitze und das Gefühl von „wir“ und „die anderen“

Besonders emotional wurde das Thema Zweitwohnsitze diskutiert. Viele Bewohner:innen erleben, dass Wohnungen, Häuser und manchmal sogar Villen, lange leer stehen oder nur wenige Wochen im Jahr genutzt werden, während leistbarer Wohnraum für Einheimische knapp ist. Hier verdichtet sich das „Wir Gefühl“ besonders stark. Wer dauerhaft hier lebt, sich engagiert und den Ort im Alltag mitträgt, wird als Teil des sozialen Gefüges erlebt. Wer nur zeitweise anwesend ist und wenig Beziehung zum Gemeindeleben hat, bleibt eher außen vor.

Solche Unterscheidungen entstehen oft dort, wo Ressourcen knapp werden und Beteiligung als ungleich erlebt wird. Aus stadtpsychologischer Sicht ist das ein wichtiges Signal. Denn soziale Spaltungen schwächen langfristig das Gemeinschaftsgefühl. Gleichzeitig zeigt sich darin aber auch, wie wichtig den Menschen ihr Ort ist. Gleichgültigkeit klingt anders.

 

Eine oft übersehene Stärke: das Vereinsleben

Neben all den Herausforderungen wurde in den Gesprächen immer wieder eine große Stärke sichtbar: das dichte Vereinsleben. Sportvereine, Kulturinitiativen, freiwillige Organisationen und informelle Gruppen prägen den Alltag vieler Menschen. Hier wird das „Wir“ ganz konkret gelebt. Vereine sind Orte, an denen Zugehörigkeit nicht nur gefühlt, sondern praktiziert wird. Man organisiert gemeinsam Feste, trainiert miteinander, übernimmt gemeinsame Aufgaben. Gemeinschaft wird hier nicht behauptet, sondern ist tatsächlich vorhanden. Diese Strukturen sind kein romantisches Beiwerk, sondern ein zentraler Zukunftsfaktor. Wo Menschen sich einbringen können, wächst das Gefühl, Teil des Ortes zu sein und Einfluss zu haben.

 

Was heißt das nun für die Zukunft Kitzbühels?

Aus stadtpsychologischer Perspektive liegt ein Schlüssel nicht nur in großen Infrastrukturprojekten oder Marketingstrategien, sondern in der Qualität der Beziehung zwischen Stadt und Bewohner:innen. Zukunftsfähig wird ein Ort dort, wo Menschen das Gefühl haben, gehört zu werden, mitgestalten zu können und mit ihrem Alltag gemeint zu sein. Das starke „Wir“, das in Kitzbühel spürbar ist, ist dabei kein nostalgischer Rest der Vergangenheit. Es ist eine Ressource für die Zukunft. Ein tragfähiges soziales Gefüge, dichte Beziehungsnetze und gelebter Zusammenhalt sind zentrale Grundlagen kommunaler Resilienz. Sie entscheiden mit darüber, wie gut eine Stadt mit Unsicherheiten, Krisen und tiefgreifenden Veränderungen umgehen kann. Wo Menschen sich mit ihrem Ort verbunden fühlen, übernehmen sie Verantwortung. Sie setzen sich ein, wenn es schwierig wird, engagieren sich in Vereinen, Initiativen und Nachbarschaften und tragen dazu bei, dass der soziale Zusammenhalt auch unter Druck nicht zerfällt. Dieses Engagement ist kein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Zukunftsfaktor. Das „andere“ Kitzbühel, das sichtbar wird, wenn der Vorhang fällt, ist kein Gegenbild zur touristischen Stadt. Es ist ihr Fundament. Ohne dieses gelebte Kitzbühel verliert auch das strahlende Image an Substanz.

Vielleicht geht es also weniger darum, welches Bild nach außen getragen wird, und mehr darum, wie sich der Ort nach innen anfühlt. Ob Menschen sagen können: Das ist unsere Stadt. Hier habe ich Platz. Hier lohnt es sich, sich einzubringen. Wenn der Vorhang fällt und das Licht gedimmt wird, zeigt sich, ob eine Stadt nur Bühne ist oder auch Zuhause.


Hintergrund zum Artikel

Dieser Beitrag basiert auf der Masterarbeit von Anna Astner (2025), in der die zukunftsfähigen Potenziale von Kitzbühel aus stadtpsychologischer Perspektive untersucht wurden.
Die Arbeit wurde mit der Methode der Aktivierenden Stadtdiagnose (ASD) durchgeführt, einem partizipativen Verfahren der Stadtpsychologie zur Erfassung sozialer Dynamiken, Herausforderungen und Entwicklungspotenziale von Gemeinden.

Betreut und fachlich supervidiert wurde die Arbeit von Cornelia Ehmayer-Rosinak, Begründerin der Aktivierenden Stadtdiagnose.


Titelfoto und erstes Beitragsfoto: © Shpëtim Ujkani auf Unsplash

Zweites Beitragsfoto: © Max Mohr auf Unsplash

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