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Mitmachfeeling statt Winterblues: Beteiligung als psychische Gesundheitsförderung?

Wenn die Tage kürzer werden und die Dunkelheit länger bleibt, spüren viele Menschen, dass ihre Stimmung empfindlicher auf Belastungen reagiert. Weniger Tageslicht, weniger Begegnungen im Freien und insgesamt reduzierter sozialer Kontakt können zu gedrückter Stimmung führen (Beat the Winter Blues, 2024). Manche erleben in dieser Zeit sogar verstärkte depressive Symptome. Aber auch wenn nicht jede winterliche Verstimmung gleich eine saisonale Depression (SAD) ist (in Österreich sind etwa 2,5 % der Bevölkerung davon betroffen (Pjrek et al., 2016)) zeigt die kalte Jahreszeit doch, wie stark unser Wohlbefinden von den Kontexten abhängig ist, in denen wir leben. Und dazu zählt nicht nur das tatsächlich vorhandene Tageslicht, sondern auch eine Art „soziales Licht“: das Gefühl, Teil von etwas zu sein und etwas gestalten zu können.

Während die klinische Psychologie den Blick auf individuelle krankheits- und gesundheitsbezogene Symptome richtet, fragt die Stadtpsychologie: Wie beeinflussen Städte unser psychisches und körperliches Wohlbefinden? Ein zentraler Faktor dabei ist die Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können (Bandura, 1977). Gerade jetzt im Winter, wenn vieles mit Rückzug und Passivität verbunden ist, ist dieser Aspekt besonders bedeutsam.

Städtische Handlungsspielräume im Winter: Wenn die Welt kleiner wird

Mit der Kälte verlagert sich das Leben nach innen. Viele Menschen verbringen mehr Zeit isoliert, soziale Kontakte nehmen ab, spontane Aktivitäten werden seltener, der öffentliche Raum wird durch Kälte und Nässe weniger attraktiv. Städtische Handlungsspielräume, beispielsweise der Aufenthalt im oder die Aneignung des öffentlichen Raums, schrumpfen und dadurch schrumpfen auch die Handlungsspielräume der Bewohner*innen.

Dabei gilt subjektive Kontrolle, also das Gefühl, eigenen Einfluss auf das Umfeld und den Alltag zu haben, als wichtiger psychologischer Faktor für Wohlbefinden und Resilienz (Hong, 2021). Wenn Menschen erleben, dass äußere Umstände ihre Handlungsmöglichkeiten einschränken (z. B. durch Winterwetter, fehlende soziale Begegnungen, eingeschränkte Bewegungsfreiheit), kann dies das Gefühl von Kontrolle potenziell beeinträchtigen. Dieser Umstand ist psychologisch nicht trivial: Er kann ein Einstiegspunkt sein, an dem Hilflosigkeit wurzelt.

Erlernte Hilflosigkeit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene

Das Konzept der „erlernten Hilflosigkeit“ wurde vom Psychologen Martin Seligman (1986) geprägt. Dieser Begriff beschreibt einen Zustand, in dem Menschen aufgrund vorhergegangener und wiederholter negativer Erfahrungen den Glauben entwickeln, keine Kontrolle über ihre Lebenssituation zu haben. Wenn Menschen immer wieder erleben, dass ihre Bemühungen erfolglos bleiben, entsteht in ihnen das Gefühl, dass ihre Handlungen grundsätzlich keine Wirkung haben. Diese erlernte Hilflosigkeit führt in der Folge oftmals zu Rückzug, Hoffnungslosigkeit und kann auch zur Entstehung von Depressionen beitragen.

Dieses Phänomen lässt sich aber nicht nur im individuellen, klinisch-psychologischen Bereich beobachten, sondern auch auf gesellschaftlicher, stadtpsychologischer Ebene: In Großstädten, in denen Menschen oft das Gefühl bekommen keinerlei echten Einfluss auf Entscheidungsprozesse zu haben, kann dieser Umstand dazu führen, dass sich Bewohner*innen ohnmächtig und ausgeschlossen fühlen (Bell, 2024).

Aus stadtpsychologischer Perspektive ist das bedeutsam: Städte können Räume der der Ohnmacht, aber auch der Selbstwirksamkeit sein.

„Beteiligung hilft!“, sagt die STADTpsychologie

Die STADTpsychologie setzt genau hier an. Die aktive Einbindung von Bürger*innen in Prozesse wie die Planung von Grünflächen, die Umgestaltung von Schulvorplätzen oder ganzer Grätzl, kann nicht nur die Lebensqualität in einer Stadt nachhaltig verbessern (Ehmayer-Rosinak, 2018), sondern auch das psychische Wohlbefinden jener Bewohner*innen steigern, die ihre Stadt aktiv mitgestalten (Yuasa, 2015).

Wichtig ist es hierbei allerdings auf die Qualität partizipativer Prozesse zu achten, denn Beteiligung ist nicht gleich Beteiligung (STADTpsychologie, 2025). Deshalb hat die STADTpsychologie die 10 Merkmale echter Partizipation definiert. Diese 10 Merkmale bieten einen guten Einblick, welche Kriterien echte Beteiligung erfüllen sollte und wie man misslungene Partizipation vermeiden kann.

Gute, qualitätsvolle Partizipation stellt demnach ein wirkungsvolles Mittel gegen erlernte Hilflosigkeit dar, denn: indem Menschen aktiv in die Gestaltung ihrer Umgebung eingebunden werden, erleben sie, dass ihre Ideen und Anstrengungen zählen. Sie erleben sich als selbstwirksam. Diese Erfahrung steht in direktem Gegensatz zur erlernten Hilflosigkeit und macht gelungene Partizipation somit zu einem potenziellen Gegenmittel.

Fazit: Beteiligung kann eine Art der Gesundheitsförderung sein

Eine Stadt, die ihren Bewohner*innen echte Mitbestimmung erlaubt, wirkt wie ein Schutzraum gegen die Entstehung von Hilflosigkeit. Gerade jetzt im Winter, wenn urbane und dadurch auch persönliche Handlungsspielräume zur Mitsprache und Mitgestaltung schrumpfen, lohnt es sich, besonders auf Mitbestimmung und Teilhabe in der Stadt zu achten. Aber auch generell gilt: Beteiligung ist kein optionaler Luxus, sondern ein zentrales Element städtischer Gesundheitsförderung, denn sie stärkt Resilienz und das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Wenn Menschen erleben, dass sie etwas bewirken können, profitieren somit nicht nur Städte, sondern allen voran auch die Menschen, die in ihnen wohnen.


© STADTpsychologie


Weiterführende Links:


Quellenangaben:

  • Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191
  • Beat the winter blues. (2024, June 17). NIH News in Health. https://newsinhealth.nih.gov/2013/01/beat-winter-blues, abgerufen am 26.11.2025
  • Bell, S. E., Hughes, M., Tuttle, G., Chisholm, R., Gerus, S., Mullins, D. R., Baller, C., Scarff, K., Spector, R., & Nalamalapu, D. S. (2024). Pipelines and power: Psychological distress, political alienation, and the breakdown of environmental justice in government agencies’ public participation processes. Energy Research & Social Science, 109, 103406. https://doi.org/10.1016/j.erss.2023.103406
  • Ehmayer-Rosinak, C. (2018). Partizipative Stadtentwicklung am Beispiel des Wiener Donaukanals.
  • Hong, J. H., Lachman, M. E., Charles, S. T., Chen, Y., Wilson, C. L., Nakamura, J. S., VanderWeele, T. J., & Kim, E. S. (2021). The positive influence of sense of control on physical, behavioral, and psychosocial health in older adults: An outcome-wide approach. Preventive Medicine, 149, 106612–106612. https://doi.org/10.1016/j.ypmed.2021.106612
  • Pjrek, E., Baldinger-Melich, P., Spies, M., Papageorgiou, K., Kasper, S., & Winkler, D. (2016). Epidemiology and socioeconomic impact of seasonal affective disorder in Austria. European Psychiatry, 32, 28–33. Cambridge Core. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2015.11.001
  • Seligman, M. E. P. (1986). Erlernte Hilflosigkeit (3., veränd. Aufl.). Psychologie-Verl.-Union Urban & Schwarzenberg.
  • STADTpsychologie. (2025, June 23). Die 10 Merkmale echter Partizipation | STADTPsychologie. STADTpsychologie | Partizipative Stadtentwicklung Für Eine Gesunde Stadt. https://stadtpsychologie.at/die-10-merkmale-echter-partizipation/, abgerufen am 27.11.2025
  • Yuasa, M., Shirayama, Y., Osato, K., Miranda, C., Condore, J., & Siles, R. (2015). Cross-sectional analysis of self-efficacy and social capital in a community-based healthy village project in Santa Cruz, Bolivia. BMC International Health and Human Rights, 15(1), 15. https://doi.org/10.1186/s12914-015-0054-y

 

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