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Home is where my „Alti“ is: Aneignung und Widerstand im Altdorfer Wald

Der Altdorfer Wald im Südwesten Deutschlands ist mit über 80 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Waldgebiet Oberschwabens, nach dem Schwarzwald das zweitgrößte in Baden-Württemberg. Der Wald ist Quelle von sauberem Trinkwasser, er bietet Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten und stellt für die umliegenden Gemeinden mehr als nur eine ökologische Ressource dar: Der Wald prägt das Landschaftsbild, er ist Treffpunkt, ein Ort der Erholung, der Bewegung, der Begegnung, aber auch ein Ort der Ruhe, der Entspannung, der Naturverbundenheit.

Der Altdorfer Wald ist eng mit der Identität der umliegenden Gemeinden verschmolzen und ist für die meisten Dorfler*innen ein wichtiger Teil Ihres Alltags: sei es zum Spazieren, zum Gassi gehen oder Pilze sammeln: Der Wald stellt einen essenziellen Teil des öffentlichen Raumes dar.

Doch dieser Wald, über Generationen hinweg als gemeinsames Gut verstanden, wird zunehmend zum Gegenstand industrieller Nutzung und damit zwangsläufig zum Schauplatz intensiver Auseinandersetzungen und Interessenkonflikte.

Exkurs: Schon in der Memminger Verfassung von 1525, den sogenannten Zwölf Artikeln, forderten Bauern nicht nur den freien Zugang zu Wald und Holz als gemeinschaftliches Recht, sondern auch die freie Wahl ihrer Pfarrer – ein Anspruch, der eng mit den beginnenden religiösen Spannungen und den späteren Konfessionskriegen verbunden war. Beides war ein früher Ausdruck von Teilhabe und Ressourcengerechtigkeit, auf den sich heutige Aktivist*innen erneut berufen, wenn sie den Schutz gemeinsamer Lebensräume und demokratische Mitbestimmung einfordern.

Zwischen forstwirtschaftlicher Nutzung, dem Bau von Windkraftanlagen und dem fortschreitenden Kiesabbau werden Fragen von Nachhaltigkeit, Teilhabe und Gerechtigkeit neu verhandelt: Wem gehört eigentlich der Wald? Wer darf ihn Nutzen und was oder wie wollen wir ihn erhalten? Der Wald wird damit nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und politisch zu einem umkämpften Raum.

 

Vom Ort der Kindheit zum Ort der Spaltung: meine persönliche Auseinandersetzung

Ich lebe nurmehr seit fast fünf Jahren in Österreich, mehr als zwei davon in Wien. Im Rahmen meiner Seminararbeit im Seminar Stadtpsychologie verschlug es mich wieder an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, einen Ort, der mir mit den Jahren immer fremder geworden ist. Nicht selten erwische ich mich, wie ich meine Mutter fragen muss: seit wann gibt es denn diesen Laden? Wann hat dieses Geschäft geschlossen? Lebt diese Person denn noch?

Der geplante Ausbau von Windkraftanlagen veränderte schließlich das Dorfbild einschlagend. In den letzten Jahren sprangen ähnlich wie Springkraut überall reißerische Plakate aus dem Boden mit Schriften wie „Windkraft tötet!“ oder „Windkraft zerstört unseren Lebensraum!“ Auch von der so gefürchteten „Grünen Ideologie“ ist oft die Rede, was auch immer das sein soll. Diskussionen um Raumgestaltung nehmen nun mehr Raum ein, sehr wohl visuell, aber auch in den Köpfen und den Gesprächen der Menschen. Hautnah konnte ich dieser Auseinandersetzung beiwohnen: Veranstaltungen gegen/ für Windkraftausbau, über erneuerbare Energien, Wasserschutz (der eng mit dem Abbau von Kies in Zusammenhang steht) fanden in genau ein und demselben Dorfgasthaus statt, am Ort, wo ich aufgewachsen bin. 

Das Dorf, in dem bereits meine Großeltern lebten, wurde vor meinen Augen zu einem Ort, der gespalten ist, zu einem Ort, an dem verschiedene Raumwahrnehmungen, Identitäten und gesellschaftliche Spannungen beispielhaft hervortreten. Ein Spannungsverhältnis, dass nicht nur den Diskurs verändert, sondern die alltägliche Praxis mitbestimmt. Für mich war es wie ein zweites Kennenlernen, ähnlich wie Menschen, wie alte Freund*Innen, verändern sich auch Orte stetig weiter, Charaktere sind dynamisch und nicht selten merke ich in der Auseinandersetzung mit meiner Jugend, wie sehr auch ich mich verändert habe: das macht die Psychologie von Menschen, wie auch Orten auch genauso komplex und interessant.

 

Meine (Feld-) Forschung :

Für meine Feldforschung, verschlug es mich unter anderem in den Wald, aber auch zur gemütlichen Einkehr und zum Führen zweier Interviews in das „Paradies“, dem lokalen Dorfgasthaus, in dem auch ein guter Teil des politischen Lebens in Vogt stattfindet. Sei es bei der Gemeinderatssitzung oder am Stammtisch, aber meistens über Maultaschen und Hefeweizen.

Innerhalb dieser qualitativen Untersuchung rund um den und im Altdorfer Wald sollen drei wichtige Vertreter*innen verschiedener Perspektiven zu Wort kommen: einer lokalen Bürger*inneninitiative, die sich seit nunmehr 10 Jahren gegen den Ausbau von Windkraft im Wald organisiert, einer Gemeinderätin der Grünen, die kommunalpolitisch aktiv ist und einer Aktivist*in aus der Waldbesetzung gegen den Kiesabbau.

Diese drei Stimmen könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein: Während der lokale Umweltverein Frustration über unzureichende Beteiligungsstrukturen äußert, beschreibt die Gemeinderätin die Notwendigkeit einer Energiewende und sieht dabei politische Arbeit als ein Feld pragmatischer Selbstwirksamkeit: kleine Schritte, Kompromisse, das Setzen realistischer Ziele. Im Kontrast dazu steht der Aktivismus der Waldbesetzer*innen, die den geplanten Kiesabbau verhindern wollen. Hier wird Selbstermächtigung über institutionelle Grenzen hinaus praktiziert und politische Teilhabe nicht erbeten, sondern gelebt: durch direkte Aktion, kollektive Selbstorganisation und die bewusste Aneignung des Waldes als Lebens- und Gestaltungsraum.

Trotz dieser deutlichen Bruchlinien verband Sie vor allem ein Ziel: den Erhalt der Natur und das Ringen um Wirksamkeit. Die Frage drängt sich auf: was können wir in der Kommunalpolitik, im Aktivismus, als besorgte Bürger*in, was können wir als Individuen bewirken?

 

Aneignung als sozialer Prozess

Das Konzept der Aneignung, wie es in der Gemeinde- und Stadtpsychologie nach Ehmayer-Rosinak (2013) und Dreyer & Ehmayer-Rosinak (2023) verstanden wird, beschreibt die aktive Beziehung zwischen Menschen und Raum. Räume werden nicht nur „genutzt“, sondern sie werden produziert, gestaltet, symbolisch besetzt.

Im Altdorfer Wald zeigt sich dies in unterschiedlicher Form: als Erholungsort, als Ort der politischen Artikulation, als Terrain für Auseinandersetzung über Zukunft und Verantwortung und nicht zuletzt als Heimat für einige Waldbesetzer*innen.

Diese Raumaneignungen sind Ausdruck gesellschaftlicher, aber auch psychologischer Prozesse. Es geht darum, wie Individuen und Gruppen ihre Umwelt als veränderbar und eigene Gestaltungsrahmen als wirksam erleben, und wo sie das eben auch nicht tun.

 

Angst, Spaltung und die Suche nach Gemeinschaft

In allen Gesprächen wurde ein Gefühl besonders greifbar: Angst.
Angst vor Veränderung, die die Form von Windkraftanlagen annimmt, vor Kontrollverlust, nicht nur persönlicher Art, sondern einer, die uns allen und besonders den Menschen, die ohnehin schon Belastungen ertragen müssen, im Rahmen der Klimakrise droht. Angst als Motor politischer Spaltung, die vor allem reaktionäre Kräfte zu nutzen wissen, aber auch Angst als Emotion, die aktiviert und den Menschen aufs Handeln vorbereitet.  Diese innerpsychischen Prozesse, von „Fight or Flight“, finden auch auf einer gesellschaftlichen Ebene statt: das ist Angst in seiner politischen Relevanz.

Wie Ruffy, mein Interviewpartner aus der Waldbesetzung, selbst betonte, ist Angst etwas, das „gesellschaftlich strukturell verankert“ ist. Sie wirkt als Mechanismus, der zwar Spaltung fördern kann, zugleich aber Diskussionen unausweichlich macht und Menschen zum Handeln bewegt. Stehenbleiben ist für keine*n der Interviewten eine Option mehr, genau das ist der Startpunkt politischen Aktivismus.

Diese Beobachtungen verweisen auf ein zentrales Thema der Stadtpsychologie: die Rolle von Emotionen in kollektiven Räumen. Wenn Angst politische Diskurse dominiert, könnte das die die Möglichkeit zu Aushandlung und Begegnung schmälern. Die Frage bleibt, ob wir die Angst als nutzbare Emotion begreifen, die dazu genutzt werden kann Räume zu schaffen, in denen Vertrauen, Dialog und gemeinsames Handeln wieder erlebbar werden.

 

Der Wald als Spiegel gesellschaftlicher Prozesse

Der Altdorfer Wald ist damit weit mehr als ein Schutzgebiet. Er ist ein Resonanzraum für gesellschaftliche Dynamiken, ein Ort, durch den sich Fragen von Demokratie, Teilhabe und Zukunft exemplarisch an den Tag treten.

In den Interviews zeigte sich trotz aller Differenzen ein gemeinsamer Nenner: das Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit. Alle Akteur*innen, sei es in der Vereinsarbeit, im Gemeinderat oder in der Waldbesetzung, formulieren auf ihre Weise den Wunsch nach mehr Austausch, Verbundenheit und Mitgestaltung.

Vielleicht liegt genau darin auch die Eigentümlichkeit des Altdorfer Waldes: Er führt Menschen zusammen, die sich sonst kaum begegnen würden. Seien es Menschen unterschiedlicher Meinung in Vogt, oder die Aktivist*innen im Waldbesetzungscamp, die teilweise aus ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus ihre neue Heimat im liebevoll genannten „Alti“ finden. Die Beschäftigung und das Engagement mit dem Wald fordern heraus, Perspektiven zu wechseln und erinnern daran, dass Zusammenleben immer ein gemeinsamer Prozess bleibt.

 

Ein gemeinsamer Raum

Aus stadtpsychologischer Perspektive kann man den Altdorfer Wald als Labor einer gelebten Demokratie verstehen. Hier zeigt sich, dass Mitgestaltung nicht erst auf institutioneller Ebene beginnt, sondern im alltäglichen Handeln, im Gespräch, in der geäußerten Sorge um gemeinsame Räume: Sei es durch Bürger*innen-Initiativen, kommunalpolitische Diskussionen oder durch direkte Aktionen: Aneignung und Widerstand sind Ausdruck von Teilhabe und stehen für eine Suche nach Wirksamkeit, Zugehörigkeit und Mitgestaltung im gemeinschaftlichen Raum.

Dieser Artikel wurde verfasst von: Simeon Baur


 

Weiterführende Links:

 

Literatur:
  • Bandura, A. (1977). Social Learning Theory. Prentice-Hall.
  • Bergstedt, J. (2012). Freie Menschen in freien Vereinbarungen. SeitenHieb-Verlag.
  • Dreyer, A. & Ehmayer-Rosinak, C. (2023). Stadtaneignung. Potenziale der Architekturpsychologie und ihrer Methoden für Teilhabeprozesse im urbanen Raum. In: Abel, A. (Hrsg.): Potenziale der Architekturpsychologie. Perspektiven. Band 2 Diskurs und Vermittlung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.
  • Ehmayer, C. F. (2013). Die Aktivierende Stadtdiagnose als besondere Form der Organisationsdiagnose. Universität Wien.
  • Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness: On Depression, Development, and Death. Freeman.

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