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Die Potenziale einer bespielbaren Stadt

Eine Stadt oder ein Ort wird auf ganz individuelle Weise wahrgenommen. Das Alter, alltägliche Gedanken und Gewohnheiten prägen die eigene Sichtweise. Als Folge wird die Umgebung zur Nebensache und der Bezug zur unmittelbaren Umwelt geht verloren. Das Konzept Playable Cities wirkt dem entgegen und bietet durch analoge und virtuelle Spielangebote im öffentlichen Raum die Möglichkeit eine Stadt neu zu entdecken. Die aktive Auseinandersetzung mit dem Ort kann die Gesundheit fördern, persönliche Entwicklungschancen bieten und zu einer höheren Lebensqualität führen. Die Beziehung zwischen den Menschen und einer Stadt wird gestärkt.


Was ist eine bespielbare Stadt?

Menschen sehen eine Stadt durch die Windschutzscheibe, andere durch ein Bürofenster und so mancher einer oder eine durch komplexe Modelle und Karten. Wie oder womit wir auch die Blicke wechseln, selten jedoch verlassen wir die „Erwachsenen-Perspektive“. Was spricht dagegen, sich beispielsweise auf die Perspektive eines Kindes einzulassen? Eine playable City hilft dabei und macht den öffentlichen Raum für viele Nutzer:innen interaktiver und unterhaltsamer. Analoge, digitale und informationelle Eigenschaften einer Stadt werden genutzt, um die Auseinandersetzung der Menschen mit einem Ort oder einem Thema, das eine Stadt beschäftigt, zu fördern. So können aus gewohnten Strecken wieder interessante und attraktive Wege werden. Durch wenig Aufwand kann ein Zaun zu einer Klettergelegenheit, oder eine öde Betonfläche zu einem Spielfeld umgestaltet werden.

Smart City = Playable City?

Playable Cities sind nicht zu verwechseln mit der Smart City. Bei dem Smart City Konzept geht es darum, neueste Innovationen und technologische Fortschritte zu nutzen, um Städte effizienter und zukunftstauglicher zu gestalten. Zwar werden Gegebenheiten des echten Lebens in digitale Systeme umgewandelt, allerdings ist der Spaß-Faktor dabei außen vor. Bespielbare Städte zielen hingegen darauf ab, bereits vorhandene Eigenschaften der Infrastruktur einer Stadt zu nutzen, wie zum Beispiel bereits vorhandene Flächen oder Lichtinstallationen, die durch ansprechende Animationen erweitert werden können. Dadurch sollen Verknüpfungen zwischen den Menschen selbst und den Menschen mit der Stadt geschaffen werden. Und das auf spielerische Art und Weise. Bedürfnisse von Bewohner:innen sollen befriedigt werden und die Interaktion mit einer Stadt oder einem Ort wird ermöglicht. Anrainer:innen können dann aktiv im Stadtgeschehen mitwirken. Als Attraktion für viele bieten bespielbare Installationen auch die Möglichkeit sich mit anderen, unbekannten Menschen in Kontakt zu kommen. Das Leben aller Altersgruppen soll jedenfalls angeregt und bereichert werden.


“Heute beanspruchen Leute den Öffentlichen Raum deutlich mehr als früher. Es gibt jetzt ein Bewusstsein für mehr Platz im Öffentlichen Raum, Platz für uns und es gibt es viele Initiativien, durch die Menschen angeregt werden, den öffentlichen Raum zu verändern und zu nutzen.“ Cornelia Ehmayer-Rosinak


Wie sieht eine bespielbare Stadt aus?
Die Stadt Griesheim hat 2009 eine Auszeichnung als erste bespielbare Stadt Deutschlands gewonnen. Seitdem wurde in Bristol (UK) eine Initiative zu Playable Cities gestartet, die sich langsam doch stetig auch international ausbreitet. Auch in Österreich sind bespielbare Städte ein Thema geworden. Im Zusammenhang mit der Smart City Wien 2050 Rahmenstrategie wurde ebenfalls der Stadtentwicklungsplan STEP 2050 konzipiert. In ihm wurden einige Maßnahmen für das Spielen im öffentlichen Raum aufgegriffen. Konkrete Umsetzungen reichen von Wasserspiel, über Bodenmarkierungen, bis hin zu ausgefallenen Treppendesigns. All diese Beispiele wurden in einer „Spielfibel“ veröffentlicht, um als Inspiration für zukünftige Umgestaltungen zu dienen. Hauptmerkmal einer bespielbaren Stadt ist, dass die Attraktionen und Erlebnismöglichkeiten nahtlos in die normale Infrastruktur einer Stadt integriert werden und nicht extra dafür Flächen geschaffen werden müssen. So kann beispielsweise eine gewöhnliche Mauer zu einer Kletterwand umfunktioniert werden. Städte können jedoch nicht nur physisch bespielt werden. Im 21. Jahrhundert erstreckt sich das Umfeld einer Stadt auch in den digitalen Raum. Vom herkömmlichen Internet, über das sogenannte Internet of Things, das alltägliche Geräte wie Kameras und Drucker über das Internet verbindet, bis hin zu Handys mit GPS System, gibt es viele Möglichkeiten mit einer modernen Stadt zu interagieren. Durch nur wenige Klicks lässt sich eine stadtweite Schnitzeljagd starten, oder man begibt sich auf interaktive Spazier- oder Jogging-Routen. Die App Stadtsache  ist ein tolles, innovatives Werkzeug mit dem Kinder, mit Hilfe von Klängen oder Bildmaterial, Wege ihrer Stadt beschreiben und dazu ihre persönliche Geschichte erzählen können, die auch für andere abrufbar und erlebbar wird. Kindern und Jugendlichen wird so eine Funktion als Stadtexpert:in zugeschrieben.

Der Nutzen von bespielbaren Städten
Bespielbare Städte sind, wie Spielplätze und andere Unterhaltungsmöglichkeiten, natürlich für Kinder besonders wichtig. Sie sollten aber für alle Menschen geeignet sein. Im Spiel findet man Sinn und erlangt dabei Erkenntnisse und Erfahrungen über die Welt, wie es in der Anthropologie beschrieben wird. Kinder entwickeln durch das Spielen soziale, kognitive und auch motorische Fähigkeiten. Erwachsene haben ebenfalls einen Drang zur Exploration, zum Spielen und zur Interaktion mit ihrem Umfeld. Forscher:innen wie etwa Tomitsch et al. (2014) bestätigen immer wieder, dass Spiele spontan dort entstehen können, wo sie ursprünglich nicht dafür konzipiert wurden. So fangen beispielsweise Leute zum Tanzen und Herumalbern an, wenn sie eine simple Kamerainstallation mit Live-Feedback sehen.
Bespielbare Städte sind wie bereits erwähnt nicht auf Nutzenmaximierung ausgerichtet. Doch sie bringen viele Vorteile mit sich. Spielerische Umgebungen können die Bewegung anregen, weshalb man besonders darauf achten sollte, dass ältere Personen in der Entwicklung von Angeboten mitberücksichtigt werden. Es bedarf Angebote für alle Altersgruppen, die deren Fähigkeiten und Bedürfnisse berücksichtigen. Neben Angeboten die auf Gesundheitsförderung und Prävention abzielen, können Interventionen gesetzt werden, die Lern- und Entwicklungschancen bieten. Auf spielerische Art können Personen somit aktuell wichtige Themen näher gebracht werden, wie etwa Kulturangebote, oder Informationen zur Stadtentwicklung selbst.

Im Playable Cities-Konzept sehen wir einen Ansatz der, im Zuge der gerade stattfindenden Smart-City-Entwicklungen, die Möglichkeit bietet positive Wirkungen auf die Menschen zu erzielen. Sei es die Aneignung zu fördern, eine Beziehung zum Ort und zur Stadt zu schaffen, oder Menschen miteinander auf spielerische Art und Weise mit einander zu vernetzen. Bespielbare Städte bieten einen Mehrwert, durch den Menschen an der Stadtentwicklung teilhaben und diese aktiv ausleben können. Darum sollte eine Smart-City im optimalen Fall auch eine playable City sein.

 

Weiterführende Links:


Literatur:

  • Ehmayer, C. (2014): Die  Aktivierende Stadtdiagnose  als eine besondere Form der Organisationsdiagnose: Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. Hamburg: disserta
  • Fietkau, J. (2017, August). The case for including senior citizens in the playable city. In Proceedings of the International Conference on Web Intelligence (pp. 1072-1075).
  • Fonseca, X., Lukosch, S., & Brazier, F. (2018). Fostering social interaction in playful cities. In Interactivity, Game Creation, Design, Learning, and Innovation (pp. 286-295). Springer, Cham.
  • Kaplan, R. & Kaplan, S. (1982). Cognition and Environment: Functioning in an uncertain world. New York: Praeger
  • Nijholt, A. (2020). Making smart cities more playable. Springer Singapore.
  • Tomitsch, M., Ackad, C., Dawson, O., Hespanhol, L., & Kay, J. (2014). Who cares about the content? An analysis of playful behaviour at a public display. In Proceedings of the International Symposium on Pervasive Displays (pp. 160-165).

 

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