Die Naschmarkthalle als Maßstab unserer Beteiligungskultur
Vor etwas mehr als einem Jahr haben wir im Blog „Mehr Dialog für den Naschmarkt“ darauf hingewiesen, wie zentral ein ernst gemeinter Austausch zwischen Politik und Anrainer*innen für die anstehende Neugestaltung des Areals wäre. Die Hoffnung war, dass die kommenden Monate genutzt würden, um Fragen von Anrainer*innen offen zu diskutieren, Ideen und Wünsche soweit möglich zu berücksichtigen und Entscheidungen auf Politik-Ebene transparent und inklusive nachvollziehbarer Argumentation rückzumelden. Heute, nach der Eröffnung der neuen Markthalle, lässt sich nüchtern feststellen: Dieser Dialog hat nicht stattgefunden. Er wurde angekündigt, in Ansätzen simuliert, aber nie ernsthaft geführt. Zurück bleibt kein Aufschrei, keine laute Empörung, sondern etwas, das langfristig schädlicher für unsere Gesellschaft und vor allem für unsere Demokratie ist: das Gefühl, dass die eigene Stimme nicht gehört wird. Dieses Gefühl zieht sich wie ein roter Faden durch viele Gespräche mit Bewohner*innen: „Man fragt uns, hört dann aber nicht zu, was wir zu sagen haben.“ Was auf diesem Areal passiert, spiegelt eine Entwicklung wider, die weit über den Naschmarkt hinausweist.
Pseudo-Beteiligung: Wenn Einbindung nur Kulisse ist
Die Umgestaltung des Naschmarkt-Areals sollte ein Vorzeigeprojekt für partizipative Mitgestaltung werden. Für viele wurde sie jedoch zu einem Beispiel dafür, wie Partizipation misslingen kann, selbst wenn sie formal stattgefunden hat. Bewohner*innen aus den angrenzenden Wohngebieten berichten, dass sie zu Beginn des Umgestaltungsprozesses zunächst per Einwurf, Online-Abstimmung oder in offenen Formaten nach ihrer Meinung befragt wurden. Kritisiert wird nun vor allem, dass es danach keinerlei Rückmeldung gab: keine Erklärung, keine Einordnung und keine Information darüber, wie die Antworten in die Entscheidungen eingeflossen sind. Nach außen entstand der Eindruck einer breiten Beteiligung, während zahlreiche Anrainer*innen das Gefühl hatten, ihre Stimmen seien ignoriert worden. Denn viele hatten sich deutlich gegen eine Markthalle ausgesprochen, „und nun steht sie trotzdem da“, wie eine Anrainerin die Enttäuschung vieler Bewohner*innen zusammenfasst.
Viele haben sich inzwischen mit der Halle arrangiert: „Ja, ist eh ganz schön geworden“ sagen viele der Befragten am Eröffnungstag. Doch das Gefühl, übergangen worden zu sein, bleibt. Es gibt zu viele unbeantwortete Fragen, die nie thematisiert wurden: Wieso wurden die Ergebnisse der Befragungen nie veröffentlicht? Warum gab es kein transparentes Verfahren, das nachvollziehbar macht, wie aus den verschiedenen Anliegen ein politischer Beschluss wurde? Wie glaubwürdig ist ein Beteiligungsformat, das den Eindruck erweckt, das Ergebnis, nämlich die Markthalle, sei von Anfang an festgestanden? Entscheidungen werden eher akzeptiert, wenn der Weg dorthin nachvollziehbar ist. Hätte ein demokratischer Prozess tatsächlich ergeben, dass eine Mehrheit die Markthalle befürwortet, wäre diese Entscheidung für viele leichter annehmbar gewesen. Hätte sich die Mehrheit dagegen ausgesprochen, stellt sich umso deutlicher die Frage, warum sie dennoch gebaut wurde und für wen eigentlich.
Beteiligung ohne einen ernst gemeinten Dialog mit den Bewohner:innen und der umliegenden Nachbarschaft ist Pseudopartizipation. Sie hinterlässt bei Menschen das Gefühl instrumentalisiert worden zu sein. Der Prozess der Naschmarkt-Umgestaltung widerspricht somit den Gütekriterien echter Beteiligung: diese ist dialogorientiert, längerfristig angelegt und kein einmaliges Event, schafft Transparenz, bezieht unterschiedliche Methoden ein und sorgt für eine adäquate Rückmeldung der Ergebnisse. Vor allem schafft sie aber reale Entscheidungsspielräume: Beteiligung darf nicht dazu dienen, eine bereits getroffene Entscheidung nachträglich zu legitimieren. Beim Naschmarkt scheint dies laut dem Architekten Maik Novotny jedoch genau der Fall gewesen zu sein. In einem Standard-Interview mit dem Architekturkritiker Czaja Wojciech spricht er offen von einem rückwärts konstruierten Prozess:
“Man fängt mit einem Wunschergebnis an, lässt das visualisieren, überlegt sich dann den Weg dahin und bastelt einen Wettbewerb mit Schein-Bürgerbeteiligung rundherum” (Novotny, 2025).
In Gesprächen und Medienbeiträgen wird spürbar, dass wirtschaftliche Interessen als gewichtiger wahrgenommen werden als lokale Bedürfnisse. Während politisch von „Mitreden“ gesprochen wird, gelten Menschen, die ihre Kritik äußern, schnell als Hindernis. In Berichten (ORF, 2025) wird der Widerstand der Anrainer*innen als Herausforderung beschrieben, ohne zu hinterfragen, warum es in erster Linie überhaupt zu diesen Protesten gekommen ist.
Frust und Resignation: Wie politisches Verhalten psychologische Spuren hinterlässt
Menschen, die in der angrenzenden Umgebung leben, haben sich über Jahre hinweg gegen die Halle ausgesprochen, Briefe geschrieben, Initiativen gebildet (Freiraum Naschmarkt), Alternativen vorgeschlagen. Sie waren aktiv, laut und konstruktiv. Der langjährige Widerstand schlug jedoch in Frustration und Resignation um, als wiederholte Kontaktaufnahmen mit den mutmaßlichen Entscheidungstragenden erfolglos blieben und die Alternativvorschläge der Anrainer*innen nicht zur Kenntnis genommen wurden. Die Resignation lässt sich durch das Konzept der erlernten Hilflosigkeit (Seligman, 1975) erklären, das beschreibt, wie wiederholte Erfahrungen von Machtlosigkeit und Kontrollverlust zu der Überzeugung führen, dass eigene Bemühungen keine erwünschte Wirkung herbeiführen können. Damit bricht jener innere Antrieb weg, der Engagement überhaupt erst ermöglicht: das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit. Die Motivation, die eigene Nachbarschaft mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen, nimmt ab und damit ein enormes gesellschaftliches Potenzial.
Was auf dem Spiel steht: demokratisches Vertrauen
Wenn Menschen eingeladen werden, ihre Meinung zu äußern, und anschließend Entscheidungen getroffen werden, die dem völlig widersprechen, untergräbt das nicht nur das Vertrauen in ein einzelnes Projekt, sondern in politische Institutionen insgesamt. Demokratie lebt davon, dass Menschen das Gefühl haben, gehört zu werden. Geht dieses Gefühl verloren, ziehen sie sich zurück, beteiligen sich weniger und akzeptieren Entwicklungen, die sie eigentlich ablehnen, weil sie glauben, ohnehin keinen Einfluss zu haben. Wo ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Vertrauen schwindet, schwindet Beteiligung, die jedoch die Grundlage einer demokratischen Kultur darstellt.
Das „würdige Entree“ oder doch eher eine Grenze?
Offiziell soll die neue Markthalle ein „würdiges Entree“ zum Naschmarkt bilden. In der Wahrnehmung vieler Menschen entsteht jedoch kein Gefühl von Einladung, sondern von Abgrenzung. Die weite Himmelsfläche zwischen den beiden Wienzeilen ist verloren gegangen und der Markt weniger durchlässig als zuvor. Die Halle nimmt dem Platz die Offenheit, die ihn ausgemacht hat, und ersetzt sie durch ein Gebäude, das räumlich abschließt und sozial selektiert. Der Begriff “würdig“ vermittelt eine Art Exklusivität. Genau diese zeigt sich auch im Angebot: Zwar wurden regionale Produkte, wie von Anrainer*innen gewünscht, aufgenommen, doch die Preise machen den Wocheneinkauf für die meisten kaum leistbar. Das Ergebnis wirkt weniger wie ein Zugang für alle und mehr wie eine Schwelle, die vorgibt, wer hier willkommen ist. Eine Anrainerin beschrieb es so:
„Ein würdiges Entree klingt nach Qualität, schafft aber automatisch eine Hierarchie und bedeutet implizit: unter einem bestimmten Niveau ist man hier nicht erwünscht. Dass ein öffentlich zugänglicher Markt durch räumliche Gestaltung und Preisstrukturen subtil reglementiert, wer dazugehören darf und wer nicht, ist eine vertane Chance für einen Ort, der eigentlich für Offenheit, Niedrigschwelligkeit und städtisches Miteinander stehen könnte“.
Was bleibt? Ein Lernpotenzial für zukünftige Projekte
Die Diskussion um den Naschmarkt ist mehr als ein Streit über eine Markthalle. Sie macht sichtbar, wie schwerwiegend das Vertrauen in politische Institutionen und demokratische Prozesse verletzt werden kann, wenn Beteiligung für politisches Marketing instrumentalisiert wird. Doch sie zeigt ebenso, wie stark das Bedürfnis nach echter Mitgestaltung ist. Viele Menschen haben über Jahre hinweg Energie, Ideen und Engagement eingebracht. Durch echte Gespräche, transparente Entscheidungen und den Mut, Kritik als Ressource zu begreifen, wird dieses Potenzial in zukünftigen Projekten hoffentlich ernst genommen. Die Gestaltung unserer Stadt ist ein gemeinsames Projekt. Damit es gelingt, braucht es nicht noch mehr Inszenierung, sondern mehr Dialog, mehr Offenheit und den Respekt, den eine lebendige Demokratie ihren Bürger*innen schuldet.
Dieser Artikel wurde verfasst von: Lena Hölbling
____________________________________________________________________________________________________________
Literatur
Novotny, M., & Czaja, W. (2025, 23. November). Naschmarktgrünes Hindernis: Ein Dialog über die neu eröffnete Markthalle. derStandard.at. https://www.derstandard.at/story/3000000297067/naschmarktgruenes-hindernis-ein-dialog-ueber-die-neu-eroeffnete-markthalle. Abgerufen am 24.11.2025.
ORF Wien Chronik (2025, 01. Dezember). Naschmarkt-Umbau in vollem Gange. https://wien.orf.at/stories/3289359/. Abgerufen am 29.11.2025.
Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness: On depression, development, and death. New York: Freeman.



