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Das „WESEN STEIERMARK“

Die STADTpsychologie betrachtet Städte als Wesen, aber was spricht dagegen auch ein ganzes Bundesland als Wesen zu sehen? Im Rahmen des OE1 Radiokollegs „9x Österreich – Erkundigungen“ wird in Abständen von drei Monaten, jeweils ein anderes Bundesland ergründet. Während das Ö1-Team journalistisch unterwegs war, interviewten wir Steirerinnen und Steirer mit dafür eigens entwickelten Forschungsfragen.

Einige Personen wurden persönlich interviewt, andere wiederum haben ihre Meinung schriftlich übermittelt. Es wurde kein Anspruch auf Vollständigkeit und auch nicht auf Repräsentativität gestellt. Die ausgewählten Personen haben sich auf ihre persönliche Art und Weise intensiv mit der Steiermark auseinander gesetzt, beruflich wie privat. Die Mehrheit ist in der Steiermark geboren, manche haben ihr ganzes Leben in der Steiermark verbracht. Rund die Hälfte lebt jetzt noch in der Steiermark, die anderen in einem anderen Bundesland.

Nun lesen Sie, welche Antworten wir auf die von uns gestellten Fragen bekommen haben – „kursiver Text“ bedeutet Originalaussagen.

Gibt es das „Typisch Steirische“?

Fast alle der Befragten sind sich darüber einig, dass es etwas gibt, was die Steiermark ausmacht. Allen voran die Natur. Die Steiermark ist bekannt als das Grüne Herz Österreichs – das offizielle Tourismusportal wirbt damit. Die Vielfalt der Natur reicht von alpinen Regionen bis zu hügeligen Weinbaugebieten im Süden. Nicht nur Naturfreunde, sondern auch Genussmenschen kommen hier auf ihre Kosten. Als typisch für die Steiermark werden insbesondere die kulinarischen Spezialitäten, wie der aus einer spezifischen Rebsorte, ausschließlich in der Steiermark hergestellte Schilcher-Wein, das Kürbiskernöl und die steirischen Äpfel genannt. Die Sprache der Steirer*innen gilt, mit ihrem „Dialekt und Tonfall“ und eigenen Begrifflichkeiten, als einzigartig. Die traditionelle steirische Tracht kann heute, kommerziell etwas abgewandelt, auch in Graz gesichtet werden, denn das „Aufdirndln“ sei (leider) in den vergangenen Jahren zu einem Trend geworden, der sich in den Städten verbreitet hat.

Woran erkennt man die echten „Steirer*innen“?

An der Mentalität. Diese unterscheide sich aber drastisch zwischen Ober- und Süd-Steiermark: „Hier lebt ein ganz anderer Menschenschlag als südlich von Mur und Mürz“, so eine interviewte Person. Die Ober-Steirer*innen werden als „hart und nicht so leicht zugänglich“ beschrieben, sie unterscheiden sich deshalb von den eher „freundlichen, geselligen“ Süd- und Ost-Steirer*innen.

Wird die Steiermark als Einheit empfunden?

Den Steirer*innen ist „Abgrenzen“ wichtig, „Steirer sagen immer wo sie herkommen, aber zumeist die Stadt“, wird uns erzählt. Es gibt einige bekannte Gegenden in der Steiermark, die einerseits für die Steiermark als typisch gelten und gleichzeitig sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Wenn Menschen an einem bestimmten Ort aufwachsen, entwickeln sie eine emotionale Bindung, die später dann durch Erinnerungen, Ideen, Werte und Erfahrungen geprägt wird. Diese Ortsbindung scheint in der Steiermark besonders stark vorhanden und zeigt sich eben in der Abgrenzung zu der jeweils anderen Gegend.

Wenn Steirer*innen jedoch ihr Bundesland verlassen, erscheint es „von außen“, dann doch irgendwie als Ganzes: „Obwohl es (das Bundesland) keine Einheit ist …ist es in sich geschlossen, aber nicht homogen; von innen gibt es große Unterschiede, aber von außen betrachtet, ist sie (die Steiermark) eine Einheit; es hängt vom Betrachtungswinkel ab; ich empfinde auch die Grenzen zu den anderen Bundesländern, man muss nach Kärnten gehen, um das Ganze zu sehen“, erzählt uns ein junger Steirer. Es ist eine starke Landesidentität und eine emotionale Verbindung zu dem Wappen vorhanden, das wiederum mit dem Grünen Herz Steiermark assoziiert wird. Mit den Farben ihres grün-weißen Wappens und ihrer Bekennung zum eigenen Land, grenzen sich die Steirer*innen von anderen Teilen Österreichs ab, was dann doch zu einer Wahrnehmung der Steiermark als Ganzes führt.

Worüber nicht (mehr) gesprochen wird

Ein gebürtiger Steirer erzählt: „In der jüngeren Generation ist es zwar kein Thema mehr … das ist die Trennung der Steiermark von der Untersteiermark (Slowenien). Nach dem zweiten Weltkrieg sind sehr viel Gräuel passiert und die Abgrenzung vom ehemaligen Jugoslawien. Ist ein Trauma oder die Reaktion darauf ist, dass man das eigene Deutschtum so überkompensiert. Es gibt keine slowenische Minderheit, sagt der gelernte Steirer. Warum? Erstens weil es gibt tatsächlich keine slowenische Minderheit und weiters diese Trennung wird nicht mehr thematisiert. Steirer sind deutsch. Man ist böse auf die Untersteiermark, weil sie uns verlassen haben, „diese Bande wurden zerschnitten, um nie mehr zusammengeführt zu werden“. Es gab große Debatten ob Marburg oder Maribor geschrieben werden soll … Das ist jetzt schon sehr speziell, aber ich glaube die jetzige Generation betrifft das nicht mehr so.“

Der Erzherzog Johann

Nach wie vor gesprochen wird über den Erzherzog Johann. Die Erzählungen über ihn sind präsent und er wird „immer noch irgendwie verehrt“, auch weil er jemand war, der die „Steiermark weiterentwickelt hat“ und noch immer als der Schutzheilige der Steiermark gilt.

In der Steiermark ging Johann als der große Modernisierer in die Geschichte ein und wurde für viele Steirer zur Identifikationsfigur schlechthin. Seine Volksverbundenheit äußerte sich in engen Kontakten zu den Menschen, seinem Interesse an den Bewohnern des Landes und ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten und der Förderung der materiellen und geistigen Kultur der Steiermark. Er wollte, dass seine Gesinnung auch nach außen zum Ausdruck kommen sollte und machte den grauen, grün besetzten Lodenrock der Obersteirer, der vor allem von den Jägern getragen wurde, zu seinem Kleidungsstück, dem Steirerrock, aus dem in weiterer Folge der Steireranzug hervorging.

Das WESEN STEIERMARK hat sich uns, beim genaueren Hinsehen, als geradlinig und traditionsbewusst gezeigt. Vereint werden die Steirer*innen, durch ihre Werte: die Wichtigkeit der Sprache, die Tracht und die Natur. Die großen regionalen Unterschiede sind es was die Steiermark so interessant und besonders macht und gleichzeitig auch wieder als Gesamtes erscheinen lässt.

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Literatur:

  • Erzherzog Johann und sein Wirken in der Steiermark: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_von_Österreich#Sein_Wirken_in_der_Steiermark_(1807–1859)
  • Jonas, K. (Hrsg.) (1990). Sozialpsychologie 6. Auflage. Berlin/Heidelberg.
  • Offizielles Tourismusportal der Steiermark: https://www.steiermark.com/de
  • Proshansky, H. M., Fabian, A. K., & Kaminoff, R. (1983). Place-identity: Physical world socialization of the self. Journal of Environmental Psychology, 3, 57–83.
  • Weinbezeichnungsverordung – WeinBVO. (2011)

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