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Das Cottage Viertel – Zwischen Ruhe, Exklusivität und Distanz

Mit Bäumen gesäumte Alleen, prunkvolle Villen, lebhaftes Vogelgezwitscher, teure Autos, kaum Menschen – die Rede ist natürlich vom Cottage Viertel, einem der bekanntlich nobelsten Wohngebiete in Wien. Es befindet sich zwischen dem 18. und 19. Gemeindebezirk und ist charakterisiert durch die unzähligen Gründerzeit-Villen, welche die breiten und grünen Straßen säumen.

Im Rahmen des Projekts „ECO-TransformationEnergietransformation durch Community-Building, Suffizienz und serielle Lösungen am Beispiel des Cottage Viertels hat die STADTpsychologie das Cottage Viertel aus psychologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive unter dem Leitgedanken der Energietransformation und Suffizienz  betrachtet. Es lag also nahe, diesen Ort auch im Rahmen eines Empirischen Stadtspaziergang (ESP) zu erkunden, um das Wesen dieses Ortes ganzheitlich zu erfassen.

Emprischer Stadtspaziergang protokolliert durch: Helene Haug

Zwischen Graffiti und Backstein

Das Cottage Viertel ist ein historisches Villenquartier in den Wiener Bezirken Währing und Döbling, das ca. 620 Gebäude umfasst, in denen rund 6.000 Menschen leben. Es herrscht ein Mix aus unterschiedlichsten Gebäudenutzungen, neben Wohngebäuden finden sich bspw. auch mehrere Botschaften, Büros, Arztpraxen und sogar eine Sternwarte. Der Stadtteil ist als Schutzzone ausgewiesen und einige Gebäude stehen sogar unter Denkmalschutz.

Unser ESP begann am Döblinger Gymnasium, einer Schule aus dem Jahr 1885, das mit seiner historischen Bauart bereits einen Eindruck vermittelt, wie stark das Viertel architektonisch vom 19. Jahrhundert geprägt ist. Es zeigen sich jedoch auch moderne Elemente und wir konnten beispielsweise vereinzelt antifaschistische Graffiti vorfinden, was uns für einen Ort, der von Schüler*innen bestimmt ist, nur wenig überrascht hat. Dieser Gegensatz von einerseits vornehmer Wohngegend und andererseits jugendlicher Rebellion war allerdings nur auf den Umkreis der Schule beschränkt. Der Rest des Viertel ist ruhig – sowohl akustisch als auch visuell. Dies fiel uns beim Gehen durch die Haizingergasse bis hin zur Sternwarte und zum Türkenschanzpark besonders auf. Der Verkehr ist gering, sowohl was Autos als auch Fußgänger*innen betrifft. Es herrscht wenig Durchgangsverkehr, und auch die öffentlichen Verkehrsmittel umfahren das Viertel weitgehend.

Trotzdem sind die Straßen fast vollständig zugeparkt (wir nehmen an die Autos der Anrainer*innen). Dies stört hier jedoch weniger als in anderen Stadtteilen, vermutlich wegen der üppigen Breite der Straßen und des geringen Verkehrsaufkommens. Was hingegen sehr wohl stört ist, dass es kaum Plätze zum Sitzen oder Verweilen gibt. Bänke sind hier selten, obwohl das Viertel durch seine Grünflächen und den Schatten vieler Bäume grundsätzlich angenehm zu durchqueren ist. Unsere Notizen machen wir im Stehen.

Atmosphäre und Nutzung

Das Viertel wirkt gepflegt und geordnet. Viele der Gebäude sind Wohnhäuser und man findet die ein oder andere Botschaft, sowie einige Büros, was zu einer Mischung aus Wohn- und Arbeitsumgebung führt. Trotzdem begegnet man vergleichsweise wenigen Menschen – hauptsächlich Anwohner*innen, Spaziergänger*innen oder Personen, die sich offensichtlich zum Arbeiten in den unterschiedlichen Gebäuden aufhalten.

Die Nutzung des Viertels erscheint überwiegend privat und zurückgezogen. Es gibt keine zentralen Orte der Begegnung, keine belebten Plätze, keine Cafés, keine Geschäfte. Für Außenstehende wirkt das Viertel daher exklusiv – physisch offen und zugänglich, aber sozial wenig einladend.

„Man möchte hier sein – man möchte aber kein Outsider sein“

Im gegenseitigen Gespräch fiel uns mehrfach auf, dass das Viertel zwar angenehm und sicher wirkt, aber auch ein Gefühl der Distanz erzeugt. Wir waren uns alle einig, dass wir uns zwar gerne dort aufhalten, gleichzeitig aber das Gefühl haben, nicht wirklich dazu oder hierherzugehören. Am Ende des Spaziergangs fanden wir folgende Worte groß in unseren Notizen: „Man möchte hier sein – man möchte aber kein Outsider sein“.

Die bauliche Struktur, die geringe Durchmischung der Nutzung und die starke Privatisierung der Fläche tragen zu diesem Eindruck bei. Es ist ein Wohngebiet mit hoher Lebensqualität für jene, die dort leben – aber mit wenig öffentlicher Zugänglichkeit oder Aufenthaltsqualität für andere.

Zukunftsausblick

Das Cottage-Viertel ist seit einigen Jahren stärker in den medialen Fokus geraten. Es wird zunehmend als attraktives Wohngebiet wahrgenommen, doch gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sich dieser exklusive Charakter zukünftig auf das soziale Gefüge des Viertels auswirken wird. Sollte es noch exklusiver werden, könnte es nämlich weiter an Vielfalt verlieren. Andererseits ist genau die vorhandene Ruhe und Abgeschiedenheit für viele das, was den Reiz des Viertels ausmacht.

Das Cottage Viertel befindet sich also in einem Spannungsfeld zwischen ALT und NEU. Wer wird es sich in der Zukunft noch leisten können, hier zu leben? Und wie kann der traditionelle Charme der Nachbarschaft am Leben gehalten, das Viertel aber trotzdem zukunftsfit gemacht werden? Diesen Fragen gingen wir unter anderem auch in unserem Eco Transformation Forschungsprojekt nach, doch es ist eine Frage ohne eindeutige Antwort. Eins ist jedoch klar: der soziale Zusammenhalt wird, wie so oft, über das Bestehen resilienter Nachbarschaften entscheiden und das Cottage Viertel wird darauf achten müssen, sich nicht allzu sehr abzuschotten.


Fazit

Das Cottage-Viertel ist ein ruhiger, grüner und wohlhabender Stadtteil, der durch seine Architektur und Atmosphäre beeindruckt. Es eignet sich gut für Spaziergänge und Beobachtungen, lädt aber nicht zum längeren Verweilen ein. Die soziale Dynamik bleibt zurückhaltend und wenig durchlässig. Wer hier wohnt, bleibt meist lange. Wer von außen kommt, bleibt meist nur kurz.

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