Thema

Zum Nachhören: Stadtgespräch über „Licht und Emotionen“

Stadtpsychologie ist das Thema dieser Stadtgespräche. Wir möchten sehen, wie sehr in der dunklen Jahreszeit die Wahrnehmung von Licht und Farben in der Nacht auf unser Leben wirkt.

Im Gespräch mit der Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer erfahren Marie-Theres Gartner und Lothar Bodingbauer, wie die Wirkung von Licht mit Gefühlen verbunden ist.

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Stadtgespräch ist der Podcast zur Ausstellung „Zukunft der Stadt“, die derzeit im Technischen Museum in Wien läuft.

Wohnzufriedenheit im Hochhaus

Wohnen schafft Wohlbefinden und wirkt sich auf die psychische Gesundheit aus. Das belegen zahlreiche psychologische Studien. Derzeit noch wenig erforscht ist, welchen Einfluss das Wohnen im Hochhaus auf die Bewohnerinnen und Bewohner hat. Die STADTpsychologie hat recherchiert und ist zu folgenden Ergebnissen gekommen:


Wer wohnt im Hochaus?

Hochhäuser ziehen vor allem junge gebildete, urban orientierte Singles an sowie Personen ab 50 Jahren. Es lässt sich sagen, dass sich die Wohnphase im Hochhaus meistens entweder vor oder nach einer Familiengründung abspielt, also bevor es Kinder gibt bzw. wenn diese schon wieder aus dem Haus sind. Normalerweise besteht der Haushalt in einem Hochhaus aus 1-2 Personen, falls es doch Kinder gibt, dann höchstens zwei. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner sind gebildet, haben Matura oder eine akademische Ausbildung. Dadurch sind sie auch finanziell besser gestellt als der Durchschnitt.

Welche psychologischen Effekte üben Hochhäuser auf ihre Bewohnerinnen und Bewohner aus?

Die Metastudie von Robert Gifford (2007) zu diesem Thema zeigt, dass Wohnen in Hochhäusern tendenziell zu Entfremdung führt, was sich auch in einem Mangel an nachbarschaftlicher Unterstützung ausdrückt. Charles Montgomery (2013) kommt in seinem wirklich lesenswerten Buch „Happy City“ zu ähnlichen Ergebnissen: In Hochhäusern entstehen keine nachbarschaftlichen Stützsysteme. Es fehlt hier somit an einer wertvollen gesellschaftlichen Ressource, die in der soziologischen Diskussion nach Bourdieu als Sozialkapital bezeichnet wird (Jansen, 2006). Die Studie von Gifford zeigt weiters, dass Menschen in Hochhäusern aufgrund fehlender nachbarschaftlicher Beziehungen durchwegs ängstlicher sind als der Durchschnitt. Ältere Menschen weisen öfter psychische Probleme auf und sind sozial noch isolierter als in anderen Wohnformen.

Welche positiven Aspekte lassen sich beschreiben?

Geschätzt wird an einem Hochhaus unter anderem die gute Sicht in höheren Stockwerken sowie – falls das Hochhaus zentral und urban liegt – die gute Lage, idealerweise mit Grünräumen. Je höher man wohnt, desto zufriedener ist man im Normalfall auch, sofern ein Sichtbezug zum Boden (Straße, Bäume, Menschen) gegeben ist. Hier hat sich nämlich gezeigt, dass die Wohnzufriedenheit wieder abnimmt, wenn die Wohnung in zu großer Entfernung vom Boden liegt.

Wie kann die Wohnqualität im Hochhaus positiv beeinflusst werden?

Laut Forschungsergebnissen erhöht ein Portier das subjektive Sicherheitsgefühl der Bewohnerinnen und Bewohner deutlich. Die fehlende nachbarschaftliche Unterstützung wird so durch eine externe soziale Kontrolle kompensiert. Eine Wohnung, die in einer gewissen Höhe liegt und eine optimale Sicht garantiert, steigert das Wohlbefinden ebenfalls. Eine Bewohnerschaft, die aktiv an nachbarschaftlichen Beziehungen interessiert ist, wäre gerade bei Hochhäusern ein ganz wesentlicher Faktor.

Wie stehen die Wienerinnen und Wiener zum Hochhaus?

Eine aktuell repräsentative Studie gibt es nicht, deshalb lässt sich darüber nur spekulieren: die Wienerinnen und Wiener stehen den Hochhäusern wohl aber eher ablehnend gegenüber. Das Errichten eines neuen Hochhauses in einer bestehenden Wohnumgebung oder auf der grünen Wiese sorgt in Wien zunächst einmal für Vorbehalte und Skepsis. Diese Vorbehalte sind psychologisch nachvollziehbar, geht doch mit dem Bau eines Hochhauses eine starke Veränderung im Stadtbild und damit auch mit der vertrauten Wohnumgebung einher. Hier ist es ganz besonders wichtig, die Betroffenen bereits in den Planungsprozess einzubinden, so wie es im Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung – der im Dezember 2016 im Wiener Gemeinderat beschlossen wurde – vorgesehen ist.

Warum ist die Wohnzufriedenheit in den Hochhäusern des Wohnparks Alt-Erlaa so besonders hoch?

Die Wohnzufriedenheit des Wohnparks Alt-Erlaa (Wikipedia) hat vor allen damit zu tun, dass es von Beginn an eine sehr aktive Nachbarschaft gab. Viele Gruppen fanden sich zu unterschiedlichsten Aktivitäten zusammen und kommunizierten ihre Aktivitäten auch über klassische Medien wie Zeitung oder Fernsehen an die anderen Bewohnerinnen und Bewohner. Dies führte zu einem hohen Sense of Community (Gemeinschaftsgefühl), das auch noch heute vorhanden ist. Wesentlich ist, dass ein vorhandener Sense of Community das eigene Wohlbefinden steigert und sich auf die Gesundheit positiv auswirkt. Ziemlich sicher sind die Menschen in Alt-Erlaa weniger krank als in vergleichbaren Wohngebieten mit geringerer Wohnzufriedenheit. Wichtig ist jedoch zu bemerken, dass der Wohnpark Alt-Erlaa ein Prestigeobjekt mit ganz besonderen Qualitäten ist, das nicht repräsentativ für andere Hochhaussiedlungen herangezogen werden kann.

Hat sich in den letzten Jahren in der Wahrnehmung von Hochhäusern etwas geändert?

Bemerkenswert ist, dass sich unsere Wahrnehmung, was ein Hochhaus ausmacht, in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat: Vor 30 Jahren wurde das Philips-Haus an der Triester Straße als Hochhaus wahrgenommen, heute wird es vermutlich nicht einmal mehr als hohes Haus gesehen. Der Ringturm mit seinen 70 Metern wird eher als „hohes Haus“ und nicht als Hochhaus bezeichnet. Die Wohnsiedlungen am Wienerberg oder über der alten Donau mit ihren 100 Metern (und mehr) entsprechen dagegen am ehesten unseren aktuellen Vorstellungen vom Hochhaus.

Verwendete Literatur:

Bourdieu, Pierre: Sozialer Raum und „Klassen“. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995 // Ehmayer, Cornelia: Die „Aktivierende Stadtdiagnose“ als eine besondere Form der Organisationsdiagnose. Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung. Hamburg: disserta Verlag, 2014 // Gifford, Robert: The Consequences of Living in High-Rise Buildings. Architectural Science Review 02/2007; 50(1):2-17 // Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage, 2006 // Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung: https://masterplan-partizipation.wien.gv.at/site/; abgerufen am 10.3.2015 // Montgomery, Charles: Happy City. Transforming Our Lives Through Urban Design. London: Penguin, 2013 // Musil, Ilse: Wohnzufriedenheit und Wohlbefinden in Hochhäusern. Diplomarbeit: Universität Wien, 2004 // Wohnpark Alt-Erlaa: http://de.wikipedia.org/wiki/Wohnpark_Alt-Erlaa; abgerufen am 10.3.2015

Winter und Wetter in der Stadt

Auch wenn die Adventszeit schon hinter uns liegt und die Weihnachtsbeleuchtung weitgehend abgebaut ist, ist Wien von nächtlicher Dunkelheit oft weit entfernt: Lichter und Lampen erhöhen zwar das subjektive Sicherheitsgefühl, können empfindlichen Personen aber durchaus die Nachtruhe rauben, da ihr Biorhythmus durch die Lichtverschmutzung mitunter ganz schön durcheinander gerät.

Lichtintensität und Wetter sind dabei aufs engste mit dem persönlichen Wohlbefinden verbunden, denn Wetter ist – auch in der Stadt – nicht trivial. Dabei emanzipiert uns die Stadt auch ein Stück weit vom natürlichen Klima. Im Gegensatz zum Land bietet die bebaute Stadt zumeist besseren Schutz vor Wetterphänomenen, seien das nun Sturm und Gewitter, Hitze oder Kälte. Allerdings gibt es durchaus Wetterlagen, die in der Stadt einen Ausnahmezustand herbeiführen: Wenn es etwa in Wien intensiv zu schneiden beginnt, dann scheint es, als würden die Stadtbewohnerinnen und Bewohner eine noch nie dagewesene Überraschung erleben. Plötzlich wird es viel ruhiger in der Stadt und alles beginnt sich zu verlangsamen. Im Zuge der globalen Erderwärmung werden die Schneetage zwar weniger, nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade deshalb bleibt der Schnee in der Stadt etwas Besonderes.

Kündigt sich ein Wetterumschwung an, erleben heute zunehmend mehr Menschen körperliche und psychische Beeinträchtigungen. Wetterfühlige Personen leiden bei einer Tiefdruckwetterlage verstärkt an Müdigkeitserscheinungen, Konzentrationsstörungen und Fehlleistungen. Jahreszeiten und das Wetter haben also nicht nur großen Einfluss auf die Gestaltung unseres Alltags, sondern auch auf unsere Stimmung. Paradoxerweise löst eine Wetteränderung in der Stadt stärkere Wetterfühligkeit aus als am Land. Erklärt wird dies damit, dass wir nur noch selten Klimaveränderungen direkt ausgesetzt sind, weil wir den größten Teil unseres Alltag in geschützten Räumen verbringen. Als Folge davon kann sich unser Organismus auf Wetter- und Klimaveränderungen schlechter einstellen und es kommt dann zu einer Art Überreaktion. Zu Fuß gehen oder Rad fahren sind daher auch im Winter einfache und gute Möglichkeiten, dem Körper etwas Gutes zu tun.

Die bebaute Stadt bietet aber nicht nur Schutz vor Wetterphänomenen, sondern erzeugt oder verstärkt ihrerseits oft selbst welche: Eine große zukünftige Herausforderung wird der Klimawandel mit dem damit verbundenen Temperaturanstieg sein. Dieser betrifft besonders Städte, einerseits, weil bereits heute der Großteil der Menschheit im urbanen Raum lebt, andererseits weil sich im dicht verbauten Gebiet die Hitze stärker ausbreitet und es deutlich langsamer abkühlt. Eine Stadtgestaltung, die auf diese Herausforderung entsprechend reagiert, ist dann besonders wichtig. So beschäftigte sich etwa das Projekt der Wiener Umweltschutzabteilung „Nachhaltiger Urbaner Platz“ mit der Frage, wie die Auswirkungen von klimatischen und demographischen Veränderungen bei den von der Bevölkerung gerne genutzten Plätzen im Stadtteil berücksichtigt werden können. Ein nachhaltiger urbaner Platz muss zukünftig deutlich mehr für Hitze und Starkregen gerüstet sein, aber auch mehr Grün oder Bäume aufweisen, um den Menschen Schutz zu bieten.

Stadt kann trotz ausgetüftelter Architektur und technologischen Innovationen also noch nicht ohne Wetter gedacht werden und das ist auch gut so: schließlich tragen die verschiedenen Jahreszeiten auch dazu bei, dass Städte immer neu erfahrbar werden und sich die Nutzungsmöglichkeiten stets verändern.

Sich die Stadt zu eigen machen

Jede Stadt und Gemeinde braucht Menschen, die sich ihrer annehmen und sich öffentliche Räume aneignen, indem eine Beziehung zu ihnen hergestellt wird. Aneignung ist also so etwas wie ein Schlüssel zu einer lebendigen Stadt.


Aneignung und Psychologie

Aus psychologischer Sicht kann Aneignung als lebensraumbezogenes Grundbedürfnis des Menschen (Maderthaner, 1995; Flade, 2006) definiert werden. Sich etwas zu eigen zu machen bedeutet dabei, auf etwas Einfluss auszuüben, sich darum zu kümmern, Vertrauen und Bindung herzustellen und sich letztlich damit zu identifizieren. Aneignung wird dabei von Gefühlen der Zugehörigkeit und des Wohlbefindens (Peterschelka, 1999) begleitet. Aneignung ist als interaktiver Prozess einer Mensch-Umwelt-Beziehung zu verstehen, der dem Bedürfnis nach aktiver Gestaltung der Lebensumwelt nachkommt, indem Menschen sich etwas „zu eigen machen“.

Umweltaneignung bezieht sich dabei weniger auf die Veränderung von fest verbauter Architektur, sondern auf die flexibleren, vielfältig nutzbaren Teile der Umwelt. Umweltaneignung geschieht durch Inbesitznahme – auch wenn diese nur temporär geschieht – sowie durch Personalisierung (Walden, 1995; Graumann, 1996; Flade, 2006). Umwelten, die Gelegenheit zur Aneignung und damit zur Identifikation bieten, können also helfen, dem Erleben von Kontrollverlust und Hilflosigkeit entgegenzuwirken (Flade, 2008).

Von der passiven Nutzung zur aktiven Mitgestaltung

Um Aneignung zu erzeugen, sind alle Formen des „Mit“ relevant, also Mitreden, Mitgestalten und Mitentscheiden. Dadurch werden Menschen befähigt, von passiven Nutzern zu aktiven Mitgestaltern zu werden. Mittlerweile herrscht in der Praxis eine stark regulierte Nutzung von öffentlichen Räumen vor, wodurch Menschen kaum als Gestalterinnen und Gestalter auftreten – Aneignung des öffentlichen Raums passiert also mehrheitlich nicht von selbst. Eine Ausnahme bilden vorwiegend junge Leute, die sich öffentlichen Raum über vielfältige Formen aneignen: Guerilla Knitting, Guerilla Gardening, Graffitis, aber auch über Vandalismus. Die restliche Stadtbevölkerung braucht Reize und Angebote, um den öffentlichen Raum „in Besitz zu nehmen“. Das spiegelt sich auch im Zugang der STADTpsychologie wider, die darauf setzt, besonders jene Menschen zu aktivieren, die wenig Erfahrung mit Stadtentwicklungsprozessen haben – und das sind nicht nur Minderheiten und Randgruppen.

Die STADTpsychologie am Wiener Donaukanal

0 DK Aneignung guerilla gardeninge _ip_psDie STADTpsychologie hat auf dieser Ebene bereits zahlreiche Projekte umgesetzt, besonders aktiv war sie am Wiener Donaukanal. Ein Beispiel sind Ermöglichungsräume wie jener bei der Franzensbrücke, die laut Masterplan Donaukanal (2009) als „nutzungsoffene Bereiche, die gemeinsam mit der Bevölkerung zu gestalten und zu beleben sind“ definiert sind. Die STADTpsychologie setzte darauf, zuerst zu verstehen, was den Nutzerinnen und Nutzern wichtig ist und darauf aufbauend dann entsprechende Angebote und Interventionen zu setzen. In einer systematischen Beobachtung von über 700 Personen sowie qualitativen Interviews wurde erhoben, wofür dieser Abschnitt des Donaukanals genutzt werden sollte. Ergebnisse dieser partizipativen Prozessgestaltung waren Mal-Aktionen und das Vernetzen von lokalen Akteuren wie Kindergärten, Schulen oder Parkbetreuung mit der Bezirkspolitik und den zuständigen Magistratsdienststellen.

All das zeigt, wie wichtig städtische Freiräume sind, an denen Menschen eigenständig ihre Ideen und Kreativität einbringen können und deren Nutzungszweck nicht schon von privaten Interessen vordefiniert und festgelegt ist. Die Aneignung von öffentlichen Räumen trägt nicht zuletzt dazu bei, einer Stadt ihre Individualität und Einzigartigkeit zu verleihen und sie von anderen Metropolen unterscheidbar zu machen, da die Möglichkeiten, Potenziale, aber auch Grenzen der Raumaneignung in jeder Stadt unterschiedlich sind.

In diesem Sinne: Nutzen Sie die Sommermonate für Erkundungen in Ihrer Nachbarschaft und halten Sie Ausschau danach, wo Aneignung bereits passiert – und seien Sie kreativ und neugierig, wo Sie sich selber mit Ihren Ideen einbringen können.

 

Literatur & Links

  • Flade, A. (2006). Wohnen psychologisch betrachtet. Bern: Huber.
  • Flade, A. (2008). Architektur psychologisch betrachtet. Bern: Huber.
  • Graumann, C.-F. (1996). Aneignung. In Kruse, L., Graumann, C. F. & Lantermann, E. D. (Hrsg.). Ökologische Psychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen (S. 124–130). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
  • Maderthaner, R. (1995). Soziale Faktoren urbaner Lebensqualität. In Keul, A. (Hrsg.), Wohlbefinden in der Stadt (S. 172–197). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
  • Peterschelka, Ch. (1999). Partizipation aus psychologischer Sicht: Bürgerbeteiligung in Planungsprozessen. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Walden, R. (1995). Wohnen und Wohnumgebung. In Keul, A. (Hrsg.), Wohlbefinden in der Stadt – Umwelt- und gesundheitspsychologische Perspektiven (S. 69–98). Weinheim: Beltz.
  • FairnessZone Donaukanal
  • Ermöglichungsraum Franzensbrücke
  • Ermöglichungsraum Friedensbrücke
  • Masterplan Donaukanal
  • Studie Wohlfühloase Donaukanal

Armut in der Stadt

Armut verändert das Antlitz einer Stadt. Sie ist nicht schön anzusehen und scheint an Orten, die sich zunehmend Kommerz und Konsum verschreiben, keinen Platz mehr zu haben. Wie präsent darf die Kehrseite des Wohlstands also in unseren Städten sein?


Architektur der Armut

Vielfach lässt sich anhand der Geschäftsnutzung (etwa Wettlokale, 1 Euro-Shops) eine „Architektur der Armut“ nachzeichnen, wohingegen hochpreisige Delikatessengeschäfte und Biorestaurants auf eine finanzkräftigere Bewohnerschaft schließen lassen. Mittlerweile wird häufig versucht, mittels Hausregeln, Videokameras, privaten Sicherheitsdiensten, aber auch architektonischen Mitteln wie Blumenkübeln, abgeschrägten Fensterbänken, geteilten Parkbänken „unerwünschte“ Personengruppen am Aufenthalt im öffentlichen Raum zu hindern. Wie problematisch eine solche Entwicklung ist, wird dann deutlich, wenn man sich fragt, welche Kriterien man dann zukünftig erfüllen muss, um am öffentlichen Raum teilzuhaben.

Soziale Brennpunkte

Jede größere Stadt hat ihre sozialen Brennpunkte, welche ein Unsicherheitsgefühl erzeugen und von denen man sich rasch entfernen möchte. Nicht immer hat dieses Unsicherheitsgefühl mit einer realen Bedrohung zu tun, oft reicht eine schlechte Beleuchtung, ein verschmutzter Gehsteig oder eine abblätternde Häuserwand, damit Unbehagen aufkommt. In der Fachsprache werden solche Orte als „Angsträume“ bezeichnet. Welche Orte das sind, variiert oft im Laufe der Zeit: War beispielsweise der Wiener Karlsplatz lange Zeit von der Drogenszene dominiert, so erscheint dieser Ort heute – nicht zuletzt dank vieler kultureller Veranstaltungen – in einem ganz anderen Licht.

0 Menschen_neu _ip_ps KopieIn Wien haftet aktuell Teilen des Gürtels sowie dem Praterstern ein problematisches Image an. Es sind dies Orte, wo sich gesellschaftlich ausgegrenzte Gruppen wiederfinden und vor allem: im öffentlichen Raum sichtbar werden. Es ist kein angenehmer Anblick, wenn Armut oder Drogensucht, sozialer Abstieg oder Krankheit öffentlich sichtbar werden. Es erinnert Menschen daran, dass es ihnen vielleicht auch eines Tages so gehen könnte. So entsteht eine innere Abwehr gegen diese Bilder der Armut, die sich in weiterer Folge dann auch gegen die Menschen richten, die dieses Bild verkörpern. Aus psychologischer Sicht ist es verständlich, wenn dann Wünsche laut werden, keine Bänke mehr aufzustellen, an denen sich Obdachlose aufhalten können oder wenn gefordert wird, dass Drogensüchtige keinen Zutritt zu einem öffentlichen Park erhalten sollen. Aus Perspektive der Stadtentwicklung ist es jedoch äußerst bedenklich, diese Menschen komplett aus dem Stadtbild zu verbannen. Oft werden diese Personengruppen im Zuge von zweifelhaften Maßnahmen zwar verdrängt, sie wandern aber weiter und suchen sich neue Plätze, an denen sie sich aufhalten. Gerade marginalisierte Gruppen brauchen aber einen Ort, an dem sie sich aufhalten dürfen. Dies sollte ein schöner, angenehmer Ort sein, denn das wertet jene auf, die sowieso schon an der untersten Leiter der Gesellschaft stehen.

Stadt für alle

Gerade im Zuge der Flüchtlingsthematik hat das Thema Armut eine neue, traurige Aktualität erfahren. Armut wird in den nächsten Jahren wohl noch deutlicher im Stadtbild sichtbar werden und es ist wichtig, bei Planungs- und Umgestaltungsmaßnahmen nicht auf benachteiligte Personengruppen zu vergessen. Schließlich darf der öffentliche Raum kein Exklusivgut sein, das nur für einige wenige Privilegierte zugänglich ist – denn die Stadt gehört allen.


Laut Statistik Austria galten 2014 in Österreich rund 1,6 Millionen Menschen als armuts- bzw. ausgrenzungsgefährdet, das entspricht 19,2% der Gesamtbevölkerung, also fast jede 5. Person. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des typischen Einkommens zur Verfügung hat. Eine weitere wichtige Unterscheidung besteht in der Differenzierung zwischen relativer und absoluter Armut: Als relativ arm gilt, wer im Vergleich zum Rest der Gesellschaft über bedeutend weniger Einkommen verfügt, was somit ein guter Indikator für soziale Ungleichheit auf nationaler Ebene ist. Absolute Armut dagegen verweist darauf, dass die grundlegendsten Bedürfnisse nicht erfüllt werden können und Menschen permanent ums Überleben kämpfen müssen.

 

Mit allen Sinnen die STADT erkunden

Wann haben Sie das letzte Mal übers zu Fuß gehen nachgedacht?

Für viele von uns ist diese Fortbewegungsart so selbstverständlich, dass wir kaum einen Gedanken daran verschwenden. Und das, obwohl jeder und jede von uns tagtäglich zu Fuß unterwegs ist, und sei es auch nur vom Parkplatz ins Büro oder von der Radabstellanlage zurück in die Wohnung. Dabei ist zu Fuß gehen die demokratischste aller Fortbewegungsarten: es kostet nichts und kann von fast jedem ausgeübt werden, sofern keine körperliche Beeinträchtigung vorliegt.


Zu Fuß gehen fördert die Nachbarschaft

Lange ist diese Form der Mobilität in den Hintergrund gerückt, doch derzeit scheint das zu Fuß gehen wieder eine Renaissance zu erfahren. Gerade Städte werden zunehmend sensibilisiert, dass im Zuge der Massenmotorisierung die Bedürfnisse von Fußgängern oft vernachlässigt worden sind und wir eher in auto- als in fußgängergerechten Städten leben. Wie sehr Autos und motorisierter Verkehr die Straßen der Städte in Beschlag genommen haben, zeigt sich oft erst an Ausnahmetagen wie bei großräumigen Verkehrssperren, wo man zuweilen irritiert ist über soviel Platz zum Flanieren, Spielen oder Verweilen.

Gehend erfahren wir die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive als hinter Autoscheiben oder auf dem Fahrradsattel, unmittelbare Interaktionen und Begegnungen werden so sofort ermöglicht. Zudem haben fußgängerfreundliche Grätzel positive Effekte auf die Nachbarschaft: Wenn Erledigungen zu Fuß erledigt werden können und wichtige Punkte in kurzer Distanz erreichbar sind, fördert das spontane Begegnungen und stärkt so das Gemeinschaftsgefühl im Bezirk.

STADTpsychologie und Gehen 

Ber0 stadtfit _ip_pseits beim Projekt „stadtfit? – Die Stadt als Fitnesscenter“ hat sich die STADTpsychologie mit den Bewegungsbedürfnissen unterschiedlicher sozialer Gruppen im urbanen Raum beschäftigt. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, wie der öffentliche Raum zur Bewegungsförderung genutzt werden kann. Zwar hatte jede der befragten Zielgruppen (Migrantinnen und Migranten, Seniorinnen und Senioren sowie Studierende, Eltern mit kleinen Kindern) individuelle Vorstellungen von einer gesunden Lebensweise und ihre jeweils eigene Methode, sich fit zu halten, doch hat sich der Stadtspaziergang bei allen Befragten als die zentrale Bewegungsform im Alltag herausgestellt.
 

Der empirische Spaziergang

ESPBesonders reizvoll jetzt im Frühling ist es, die Stadt mit allen Sinnen zu erkunden. Die stadtpsychologische Methode „Empirischer Stadtspaziergang“ erlaubt, sich der Stadt auf neue und spannende Weise anzunähern. Der Ablauf des Empirischen Stadtspaziergangs erfolgt in vier Schritten: Nach einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem gewählten Ort (das kann ein Grätzel, ein Platz oder auch ein Park sein) wird entschieden, auf welche Weise er kennengelernt werden soll, beispielsweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Direkt am Ort angekommen, wird überlegt, gerochen, gehört und gespürt, was dieser Ort einem „erzählt“. Wichtige Fragen lauten hier: Was macht diesen Ort aus? Wie unterscheidet er sich von anderen Orten? Abschließend werden alle gewonnen Eindrücke zusammengeführt, diskutiert und interpretiert. Wahlweise dokumentiert mit Kamera und Fotos, schärft das die Wahrnehmung für Potenziale und Probleme eines Ortes.

Neugierig geworden?

Die STADTpsychologie organisiert am 1. Juni 2015 um 16 Uhr einen Empirischen Stadtspaziergang beim Verteilerkreis Favoriten (Link zum Event). Wenn Sie diesen Verkehrsknotenpunkt einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen wollen und ausprobieren möchten, wie es sich anfühlt, dort als Fußgängerin oder Fußgänger unterwegs zu sein, dann machen Sie sich mit uns auf den Weg durch den Süden Wiens. 

Literatur & Links

Weitere Informationen

Stadtpsychologie auf der Couch

Besprechung mit einem Mann und 2 Frauen

Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer erläutert im Interview ihren methodischen Zugang und verrät, welchen Projekten sie sich demnächst widmet.


 Frau Ehmayer: Wie würden Sie den stadtpsychologischen Zugang beschreiben?

Der stadtpsychologische Ansatz geht davon aus, dass Städte lebendige Wesen sind, die sich nur dann positiv entwickeln können, wenn sich möglichst viele verschiedene Personen aktiv an ihrer Entwicklung beteiligen und engagieren. Denn ähnlich wie Menschen können auch Städte krank werden. Um dies zu diagnostizieren, habe ich die Methode der Aktivierenden Stadtdiagnose entwickelt. Durch dieses qualitativ-sozialwissenschaftliche Verfahren ist es möglich, die Zukunftsfähigkeit von Städten und Gemeinden zu überprüfen.

Wie sieht das konkret aus?

About 0_ip psAm Anfang der Aktivierenden Stadtdiagnose steht immer eine ausführliche Feldforschung mit Bewohnerinnen und Bewohnern. Selbstverständlich werden auch Entscheidungsträger und andere, für die Stadt wichtige Akteure, befragt. Mit dieser Vorgehensweise verstehen wir, wie die Menschen ihre eigene Stadt wahrnehmen. Anschließend analysiert unser Team das Datenmaterial und leitet daraus die wesentlichen Zukunftsthemen ab. In weiterer Folge wird die Bevölkerung eingeladen, bei einer Veranstaltung über diese Zukunftsthemen zu diskutieren. Hier steht im Vordergrund, was die Ergebnisse für die Stadt bedeuten und welche Veränderungen sich daraus ergeben. Im besten Fall bildet sich ein Zukunftsteam, das an der Umsetzung der Themen weiterarbeitet.

Was ist das Einzigartige am stadtpsychologischen Zugang?

Die Stadtpsychologie versteht unter Stadtentwicklung einen Prozess, der einer bestimmten Logik folgt: jede Veränderung ist eine Intervention und diese braucht im Vorfeld eine fundierte Diagnose. Diese Diagnose kann jedoch immer nur mit den Menschen, die in einer Stadt leben, gemeinsam geschehen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Stadtentwicklung an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeigeht und sich die Menschen zunehmend weniger mit ihrer Stadt identifizieren, was wiederum für die Stadt insgesamt einen Verlust darstellt.

Auf welche methodische Basis greifen Sie in Ihrer Arbeit zurück?

0-baumgarten _ip_psNeben der Gemeinde- und Umweltpsychologie, die mich sehr beeinflusst haben, gibt es auch Anknüpfungspunkte zur Netzwerkforschung und der Chaostheorie. In der praktischen Arbeit verbinde ich die Methoden der qualitativen Sozialforschung mit Ansätzen der Organisationsentwicklung. Das Kombinieren dieser verschiedenen Einflüsse und Zugänge empfinde ich als notwendige Voraussetzung, denn nur durch eine methodische Vielfalt kann man einem so komplexen Gebilde wie einer Stadt gerecht werden.

Die Stadtpsychologie besteht seit 2001 – was unterscheidet den aktuellen Zugang von früheren Projekten?

Während meine früheren Projekte mehr auf einen Stadtteil oder ein Grätzel bezogen waren, nehme ich jetzt zunehmend die gesamte Stadt in den Blick. Es geht also im Wesentlichen um Stadtentwicklung im großen Stil.

Welche partizipativen Projekte sind demnächst geplant?

Wir sind gerade mit der Stadt München im Gespräch, die Beteiligung ebenfalls stärker forcieren will. In welcher Form wir dort in einem Projekt beteiligt sein werden, steht derzeit noch nicht fest, aber das Interesse aus Deutschland an unserer Arbeit ist momentan jedenfalls sehr groß. Zudem sind wir gerade im Endspurt zur Arbeit am Masterplan für partizipative Stadtentwicklung für die Stadt Wien, der voraussichtlich im Februar 2015 öffentlich präsentiert wird.

Wir danken für das Interview!