Stadt und Nachbarschaft – ein Widerspruch?

Jährlich wird in vielen Ländern der Welt der „Nachbarschaftstag“ begangen. Er soll als Einladung verstanden werden, „einen gemeinsamen Moment mit den Nachbarn zu teilen, sich einander besser kennenzulernen und einen Sinn für das Gemeinsame zu entwickeln“. Kann diese Übung gelingen und vor allem, sind Stadtmenschen der Nachbarschaft fähig, denn je größer die Städte, umso größer das Gefühl der Entfremdung.


Eine Antwort gleich vorweg: Der Vergleich von Städtern und Nicht-Städtern hat gezeigt, dass urbane Lebensformen nicht automatisch isolationsfördernd sind. Bewohnerinnen und Bewohner großer Städte haben oft vielfältigere Beziehungen zu Freunden, Arbeitskollegen und Angehörigen, als Nicht-Städter. Aber wie seht es nun mit der Nachbarschaft aus, gibt es sie noch oder gibt es sie wieder?

In der Psychologie wird Nachbarschaft nicht als ein bestimmter Ort verstanden, sondern als eine soziale Gruppe definiert, deren Merkmal die räumliche Gemeinsamkeit des Wohnortes verbindet. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, ist die räumliche Nähe nicht ausreichend – es bedarf zusätzlich an Ähnlichkeiten in Alter, Beruf, sozialer Schicht und Freizeitinteressen. Kurz gesagt, Zusammenleben ein einem Ort erzeugt noch keine Nachbarschaft. Falsch ist auch, enge nachbarschaftliche Beziehungen mit konfliktfreiem Zusammenleben gleichzusetzen. Beinahe zwangsläufig bedeutet Nachbarschaft auch eine Verwicklung in Konflikte, besonders häufig ist Lärm ein Auslöser. Hinzu kommt, dass Nachbarschaft für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen einen unterschiedlichen Stellenwert besitzt. So nimmt der Stellenwert von Nachbarschaft mit zunehmend höherem sozialen Status tendenziell ab, d.h. je besser die Menschen verdienen, umso weniger suchen sie den Kontakt zu den Nachbarn. Aber auch der Lebenszyklus spielt eine ganz wesentliche Rolle: Während die unmittelbare Nachbarschaft für Kinder und Jugendliche zumeist noch sehr wichtig ist, ändert sich das häufig im jungen Erwachsenenalter. Bei der Familiengründung nimmt der Stellenwert von Nachbarschaft wieder zu und wird im höheren Alter sogar oft zur wichtigsten Kommunikationsquelle.

Durch Nachbarschaft entstehen dann zahlreiche Vorteile, wenn sie den Charakter eines sozialen Stützsystems annimmt. Befriedigende Nachbarschaftsbeziehungen sind für eine hohe Lebenszufriedenheit und Lebensqualität wichtiger als die Tatsache, ob jemand in der Stadt oder auf dem Land lebt. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurde die Frage diskutiert, ob es in der modernen Großstadt überhaupt noch Nachbarschaft gäbe. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, es gibt sie, aber in veränderter Form. Viele ursprüngliche Funktionen von Nachbarschaft sind in der Großstadt zwar verloren gegangen, aber einige wichtige, wie die Nothilfe, die soziale Kontrolle und die Kommunikation sind erhalten geblieben.

So gesehen ist der gemeinsam begangene Nachbarschaftstag ein wichtiger Impuls um einander besser kennenzulernen und Hilfe zu bekommen, wenn sie benötigt wird. Im besten Fall entsteht der gemeinsame Wunsch, sich über den einen Tag hinaus zusammenzutun und sich für ein besseres Umfeld zu engagieren. Gemeinsames Engagement ist ganz besonders gesund, denn es bringt mehr Lebensfreude und steigert Lebenserwartung.

In Wien wird der Nachbarschaftstag von der Lokalen Agenda 21 organisiert und findet 2017, am 2. Juni statt.

Weiterführende Links:

Verwendete Literatur:
Ehmayer, 2014; Flade, 2006; Hamm, 1996; Hellbrück und Fischer,1999

 

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