Sich die Stadt zu eigen machen

Jede Stadt und Gemeinde braucht Menschen, die sich ihrer annehmen und sich öffentliche Räume aneignen, indem eine Beziehung zu ihnen hergestellt wird. Aneignung ist also so etwas wie ein Schlüssel zu einer lebendigen Stadt.


Aneignung und Psychologie

Aus psychologischer Sicht kann Aneignung als lebensraumbezogenes Grundbedürfnis des Menschen (Maderthaner, 1995; Flade, 2006) definiert werden. Sich etwas zu eigen zu machen bedeutet dabei, auf etwas Einfluss auszuüben, sich darum zu kümmern, Vertrauen und Bindung herzustellen und sich letztlich damit zu identifizieren. Aneignung wird dabei von Gefühlen der Zugehörigkeit und des Wohlbefindens (Peterschelka, 1999) begleitet. Aneignung ist als interaktiver Prozess einer Mensch-Umwelt-Beziehung zu verstehen, der dem Bedürfnis nach aktiver Gestaltung der Lebensumwelt nachkommt, indem Menschen sich etwas „zu eigen machen“.

Umweltaneignung bezieht sich dabei weniger auf die Veränderung von fest verbauter Architektur, sondern auf die flexibleren, vielfältig nutzbaren Teile der Umwelt. Umweltaneignung geschieht durch Inbesitznahme – auch wenn diese nur temporär geschieht – sowie durch Personalisierung (Walden, 1995; Graumann, 1996; Flade, 2006). Umwelten, die Gelegenheit zur Aneignung und damit zur Identifikation bieten, können also helfen, dem Erleben von Kontrollverlust und Hilflosigkeit entgegenzuwirken (Flade, 2008).

Von der passiven Nutzung zur aktiven Mitgestaltung

Um Aneignung zu erzeugen, sind alle Formen des „Mit“ relevant, also Mitreden, Mitgestalten und Mitentscheiden. Dadurch werden Menschen befähigt, von passiven Nutzern zu aktiven Mitgestaltern zu werden. Mittlerweile herrscht in der Praxis eine stark regulierte Nutzung von öffentlichen Räumen vor, wodurch Menschen kaum als Gestalterinnen und Gestalter auftreten – Aneignung des öffentlichen Raums passiert also mehrheitlich nicht von selbst. Eine Ausnahme bilden vorwiegend junge Leute, die sich öffentlichen Raum über vielfältige Formen aneignen: Guerilla Knitting, Guerilla Gardening, Graffitis, aber auch über Vandalismus. Die restliche Stadtbevölkerung braucht Reize und Angebote, um den öffentlichen Raum „in Besitz zu nehmen“. Das spiegelt sich auch im Zugang der STADTpsychologie wider, die darauf setzt, besonders jene Menschen zu aktivieren, die wenig Erfahrung mit Stadtentwicklungsprozessen haben – und das sind nicht nur Minderheiten und Randgruppen.

Die STADTpsychologie am Wiener Donaukanal

0 DK Aneignung guerilla gardeninge _ip_psDie STADTpsychologie hat auf dieser Ebene bereits zahlreiche Projekte umgesetzt, besonders aktiv war sie am Wiener Donaukanal. Ein Beispiel sind Ermöglichungsräume wie jener bei der Franzensbrücke, die laut Masterplan Donaukanal (2009) als „nutzungsoffene Bereiche, die gemeinsam mit der Bevölkerung zu gestalten und zu beleben sind“ definiert sind. Die STADTpsychologie setzte darauf, zuerst zu verstehen, was den Nutzerinnen und Nutzern wichtig ist und darauf aufbauend dann entsprechende Angebote und Interventionen zu setzen. In einer systematischen Beobachtung von über 700 Personen sowie qualitativen Interviews wurde erhoben, wofür dieser Abschnitt des Donaukanals genutzt werden sollte. Ergebnisse dieser partizipativen Prozessgestaltung waren Mal-Aktionen und das Vernetzen von lokalen Akteuren wie Kindergärten, Schulen oder Parkbetreuung mit der Bezirkspolitik und den zuständigen Magistratsdienststellen.

All das zeigt, wie wichtig städtische Freiräume sind, an denen Menschen eigenständig ihre Ideen und Kreativität einbringen können und deren Nutzungszweck nicht schon von privaten Interessen vordefiniert und festgelegt ist. Die Aneignung von öffentlichen Räumen trägt nicht zuletzt dazu bei, einer Stadt ihre Individualität und Einzigartigkeit zu verleihen und sie von anderen Metropolen unterscheidbar zu machen, da die Möglichkeiten, Potenziale, aber auch Grenzen der Raumaneignung in jeder Stadt unterschiedlich sind.

In diesem Sinne: Nutzen Sie die Sommermonate für Erkundungen in Ihrer Nachbarschaft und halten Sie Ausschau danach, wo Aneignung bereits passiert – und seien Sie kreativ und neugierig, wo Sie sich selber mit Ihren Ideen einbringen können.

 

Literatur & Links

  • Flade, A. (2006). Wohnen psychologisch betrachtet. Bern: Huber.
  • Flade, A. (2008). Architektur psychologisch betrachtet. Bern: Huber.
  • Graumann, C.-F. (1996). Aneignung. In Kruse, L., Graumann, C. F. & Lantermann, E. D. (Hrsg.). Ökologische Psychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen (S. 124–130). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
  • Maderthaner, R. (1995). Soziale Faktoren urbaner Lebensqualität. In Keul, A. (Hrsg.), Wohlbefinden in der Stadt (S. 172–197). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
  • Peterschelka, Ch. (1999). Partizipation aus psychologischer Sicht: Bürgerbeteiligung in Planungsprozessen. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Walden, R. (1995). Wohnen und Wohnumgebung. In Keul, A. (Hrsg.), Wohlbefinden in der Stadt – Umwelt- und gesundheitspsychologische Perspektiven (S. 69–98). Weinheim: Beltz.
  • FairnessZone Donaukanal
  • Ermöglichungsraum Franzensbrücke
  • Ermöglichungsraum Friedensbrücke
  • Masterplan Donaukanal
  • Studie Wohlfühloase Donaukanal

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