Nachlese: Empirischer Stadtspaziergang am Verteilerkreis Favoriten

Das strahlende Frühlingswetter bot die perfekte Kulisse für einen Empirischen Stadtspaziergang, den die STADTpsychologie am 1. Juni 2015 am Verteilerkreis Favoriten veranstaltete. Mehrere Interessierte waren der Einladung gefolgt, einen der pulsierendsten Verkehrsknotenpunkte Wiens einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.


 Zunächst ging es darum, das Vorwissen über den Verteilerkreis abzurufen:

Welche Bilder über diesen Ort sind bereits vorhanden? Was macht diesen Ort für uns interessant? Was möchten wir über diesen Ort herausfinden?

2_Verteilerkeis FavoritenDabei zeigte sich schnell, dass der Verteilerkreis bei fast allen Teilnehmerinnen als Un-Ort gilt, der ohne konkreten Grund nicht aufgesucht wird und weder zum Verweilen, Flanieren und schon gar nicht zum Picknicken oder dergleichen einlädt. Die verbreitetsten Assoziationen kreisten um Verkehr, Stau, Baustelle (derzeit wird hier an der Verlängerung der Linie U1 gebaut), zudem wurden die Generali Arena – das Heimstadion der Wiener Austria – sowie das Laaberg-Bad genannt. Aber sogar Nicht-Wienerinnen war der Verteilerkreis bereits ein Begriff – „wegen den Staumeldungen im Radio“. Doch gerade das vorwiegend negative Image machte die Teilnehmerinnen auch neugierig, diesen Ort einmal mit ganz anderen Augen zu betrachten. 

Gibt es vielleicht sogar besondere Qualitäten dieses Ortes, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen?

Eine Teilnehmerin berichtete zur Überraschung vieler, dass früher am Verteilerkreis eine Kaninchenkolonie angesiedelt war, die jedoch im Zuge der Baustelle abwandern musste.

9_Verteilerkeis FavoritenZunächst konnten in einem Rundgang um den Verteilerkreis mögliche Unterschiede der einzelnen Abschnitte herausgearbeitet werden. Je nach Standort veränderten sich Geräuschkulisse, der Anteil der Grünflächen oder die Personendichte. Auch war es nicht an jeder Stelle gleich einfach bzw. schwierig, sich als Fußgänger in einem hauptsächlich für den Autoverkehr ausgerichteten Gebiet fortzubewegen. Da es oft keine Fußgängerwege gab, nutzte die Gruppe auch Trampelpfade, die teilweise dicht an parkenden Autos und unwegsamem Gelände vorbeiführten. Eine Teilnehmerin zeigte sich überrascht, dass zu Fuß gehen hier überhaupt möglich ist: „Ich hätte schwören können, dass es nicht geht, um den Verteilerkreis Favoriten herumzugehen!

 Im Anschluss an den Rundgang wurden die Teilnehmerinnen eingeladen, den Ort mit allen Sinnen wahrzunehmen:

Was siehst, hörst, fühlst, riechst du?

7_Verteilerkeis FavoritenDabei zeigte sich, dass es an gewissen Ampelphasen durchaus auch ruhigere Intervalle gibt, in denen der Autolärm nicht dominiert und sogar Singvögel zu hören sind. Die optische Kulisse prägte die Baustelle mit ihren vielen Kränen, Baufahrzeugen und Absperrungen. Doch inmitten des Grau’s fanden sich auch überraschend viele Grünstreifen. Die Generali Arena und der Turm eines Möbelhauses waren weitere markante Punkte in der Stadtsilhouette, die den Verteilerkreis charakterisieren. Geruchstechnisch waren die Autoabgase erstaunlich wenig dominant, teilweise konnte sogar Holunder wahrgenommen werden.

 Neben den Sinneseindrücken richteten die Teilnehmerinnen ihren Fokus dann auf die Personen, die den Verteilerkreis nutzen und sich dort aufhalten.

Welche Personengruppen sind dort überhaupt unterwegs und wofür wird der Verteilerkreis genutzt?

4_Verteilerkeis FavoritenDer Begriff „Verteilerkreis“ ist in diesem Zusammenhang durchaus wörtlich zu nehmen, verteilten sich die meisten der anwesenden Personen doch auf verschiedene Verkehrsmittel. Der Verteilerkreis fungierte hier für die meisten als Transitraum, den viele lediglich durchqueren, ohne dass er genügend Qualität bieten würde, um dort länger zu verweilen. Aber auch erstaunlich viele sportliche Radfahrer waren zu sehen, die wohl in die umliegenden Naherholungsgebiete unterwegs waren und auf ihrem Weg auch den Verteilerkreis passierten.

Basierend auf den zahlreichen Sinneseindrücken und Beobachtungen, stellte sich die Frage:

Welche Potenziale dieser ganz spezielle Ort nun bietet? Welche Veränderungen wären denkbar?

Hier fielen Stichworte wie Begrünen, als Park nutzbar machen, aber auch eine Untertunnelung der Autos wurde angedacht. Generell könnte man den Verteilerkreis Favoriten sehr gut für Werbeaktionen nutzen – es ist grundsätzlich ein Ort, an dem man gut gesehen wird. Deswegen wird der Verteilerkreis wohl auch gerne von Autostoppern aufgesucht, weil hier ein guter Ort ist, um per Anhalter mitgenommen zu werden, berichtete eine Teilnehmerin. Der Verteilerkreis würde sich aber wohl auch als Veranstaltungs- und Freiraum für Jugendliche eignen:  inmitten des Autoverkehrs würde Lärm hier schließlich niemanden stören. Ein spannendes Gedankeninstrument bezog sich darauf, einen autofreien Sonntag am Verteilerkreis abzuhalten, damit die Qualität des Ortes unabhängig vom Autoverkehr wahrgenommen werden kann. Eine Bebauung wurde nicht grundsätzlich ausgeschlossen, über die Höhe des oder der Gebäude wäre aber noch im Detail nachzudenken.

Der Empirische Stadtspaziergang bot Überraschendes und Vorhersehbares – einige Erwartungen wurden bestätigt, andere dagegen ziemlich auf den Kopf gestellt. Inmitten der grauen Betontristesse aus Verkehr und Baustelle gab es überraschend viele positive Ausreißer, etwa Grünflächen, Singvögel oder Holundersträucher. Die alte Weisheit des Empirischen Stadtspaziergangs hat sich somit auch diesmal bewahrheitet: die intensive Auseinandersetzung mit einem Ort fördert selbst im gefürchteten Un-Ort noch Schönes zutage, während vermeintlich attraktive Plätze dann oft gar nicht so perfekt sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen.  

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